Warum wir die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz nicht vorschnell begrenzen und menschliche Leistungen neu betrachten sollten.
Übersehen wir vor lauter Bedenken die Chancen?
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Kaum eine technologische Entwicklung hat innerhalb so kurzer Zeit derart große Erwartungen, aber auch erhebliche Befürchtungen ausgelöst.
Wir diskutieren über Arbeitsplätze, die verschwinden könnten, über Manipulation, Datenschutz, Urheberrechte und die Frage, ob Menschen eines Tages die Kontrolle über immer leistungsfähigere technische Systeme verlieren könnten.
Diese Fragen sind berechtigt. Eine Technologie, die tief in unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben eingreifen kann, verlangt Aufmerksamkeit, kritische Prüfung und gegebenenfalls klare Grenzen.
Aber manchmal frage ich mich, ob wir darüber eine andere, mindestens ebenso wichtige Frage aus den Augen verlieren:
Welche Möglichkeiten eröffnen sich für uns Menschen, wenn wir lernen, unsere eigenen Fähigkeiten sinnvoll mit denen künstlicher Intelligenz zu verbinden?
Ich beschäftige mich seit einiger Zeit intensiv mit dieser Frage. Nicht nur theoretisch. Ich habe begonnen, künstliche Intelligenz für eigene Schreibprojekte, historische Recherchen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen einzusetzen.
Dabei habe ich Erfahrungen gemacht, die meine anfänglichen Erwartungen weit übertroffen haben.
Sie haben mich zu einer Überzeugung geführt:
Die größte Chance künstlicher Intelligenz liegt möglicherweise gar nicht darin, dass sie menschliche Arbeit ersetzt oder beschleunigt.
Sie könnte darin liegen, Menschen Leistungen zu ermöglichen, die sie ohne diese Unterstützung niemals hätten erbringen können.
Und vielleicht müssen wir deshalb auch neu darüber nachdenken, was wir eigentlich unter menschlicher Leistung verstehen.
Was ist eine Leistung wert?
In einem früheren Beitrag habe ich die Frage gestellt: „Arbeiten wir wirklich zu wenig?“
Dabei ging es mir unter anderem um die Vorstellung, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vor allem davon abhänge, wie viele Stunden Menschen arbeiten.
Schon damals erschien mir dieser Maßstab unzureichend.
Wenn wir durch technischen Fortschritt dieselbe Leistung in kürzerer Zeit erbringen können, weshalb sollte das ein Nachteil sein? Und wenn wir dadurch Zeit gewinnen, die wir für andere Aufgaben, persönliche Interessen oder einfach für unser Leben verwenden können, ist nicht auch das ein Gewinn?
Die Entwicklung künstlicher Intelligenz führt diesen Gedanken weiter.
Nehmen wir an, zwei Menschen erarbeiten unabhängig voneinander eine überzeugende Lösung für ein schwieriges Problem.
Der eine benötigt dafür mehrere Monate. Er recherchiert, wertet Informationen aus, überprüft Zusammenhänge und arbeitet sich mühsam zu seinem Ergebnis vor.
Der andere nutzt künstliche Intelligenz, um Informationen schneller zu erschließen, Lösungsansätze zu vergleichen und seine Überlegungen zu überprüfen. Er erreicht in wesentlich kürzerer Zeit ein ebenso überzeugendes Ergebnis.
Wessen Leistung ist höher zu bewerten?
Wir können die Ausdauer, die Kenntnisse und die außergewöhnliche persönliche Anstrengung des Ersten bewundern.
Aber macht das seine Lösung besser?
Wir müssen zwischen der persönlichen Anstrengung, die eine Leistung erfordert, und der Qualität ihres Ergebnisses unterscheiden.
Beides verdient Anerkennung. Aber es ist nicht dasselbe.
Ein hervorragendes Buch wird nicht dadurch weniger lesenswert, dass sein Verfasser Unterstützung bei der Recherche oder sprachlichen Gestaltung erhalten hat.
Eine wissenschaftliche Erkenntnis verliert nicht ihren Wert, weil moderne Computertechnik an ihrer Entstehung beteiligt war.
Und eine technische Lösung wird nicht dadurch schlechter, dass ihr Entwickler Hilfsmittel verwendet hat, die früheren Generationen nicht zur Verfügung standen.
Natürlich gibt es Situationen, in denen gerade die eigenständige Bewältigung einer Aufgabe beurteilt werden soll – etwa bei einer Prüfung. Dort gehört der Entstehungsprozess ausdrücklich zum Leistungsmaßstab.
Aber wenn wir ein literarisches Werk lesen, eine wissenschaftliche Erkenntnis nutzen oder eine technische Entwicklung beurteilen, interessiert uns doch vor allem, ob das Ergebnis überzeugt.
Und nun kommt für mich der eigentlich spannende Gedanke:
Was geschieht, wenn wir künstliche Intelligenz nicht nur nutzen, um dasselbe Ergebnis schneller zu erreichen, sondern um ein wesentlich besseres Ergebnis anzustreben?
Wenn wir die gewonnene Zeit für gründlichere Recherchen, zusätzliche Überlegungen, neue Ideen oder die sorgfältige Überprüfung unserer Arbeit verwenden?
Dann verändert technischer Fortschritt nicht nur den Aufwand.
Er erweitert möglicherweise das erreichbare Ergebnis.
Mehr als eine Maschine zur Arbeitserleichterung
Die Geschichte des technischen Fortschritts ist auch eine Geschichte der Arbeitserleichterung.
Maschinen haben körperliche Anstrengungen reduziert. Computer haben Berechnungen und die Verarbeitung großer Informationsmengen revolutioniert. Das Internet hat den Zugang zu Wissen grundlegend verändert.
Künstliche Intelligenz eröffnet nun eine weitere Dimension.
Sie kann uns nicht nur Informationen liefern, sondern helfen, diese zu ordnen, zu vergleichen, verständlich aufzubereiten und mit neuen Fragestellungen zu verbinden.
Dabei geht es um Fähigkeiten, die bisher in erheblichem Umfang menschliche Arbeitszeit und oft auch besondere Fachkenntnisse erforderten.
Dass sich daraus messbare Vorteile ergeben können, zeigen inzwischen wissenschaftliche Untersuchungen.
In einer 2023 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Studie untersuchten Shakked Noy und Whitney Zhang die Auswirkungen von ChatGPT auf berufstypische Schreibaufgaben. Die Teilnehmenden mit KI-Unterstützung benötigten durchschnittlich rund 40 Prozent weniger Zeit. Gleichzeitig wurde die Qualität ihrer Ergebnisse im Versuch durchschnittlich um 18 Prozent höher bewertet. (Studie in Science)
Eine weitere Untersuchung von Erik Brynjolfsson, Danielle Li und Lindsey Raymond betrachtete den Einsatz eines KI-Assistenten bei mehr als 5.000 Beschäftigten im Kundenservice. Die Produktivität stieg im Durchschnitt um rund 14 Prozent. Besonders stark profitierten weniger erfahrene Mitarbeiter. (NBER-Studie)
Natürlich lassen sich solche Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf jede Tätigkeit übertragen.
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der OECD, die verschiedene Forschungsarbeiten zu den Auswirkungen generativer KI auswertet, betont ausdrücklich, dass ihr Nutzen von der jeweiligen Aufgabe und den Erfahrungen der Anwender abhängt. Die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI spielt dabei eine entscheidende Rolle. (OECD-Untersuchung)
Mich interessiert an diesen Erkenntnissen besonders, dass KI nicht nur bereits vorhandene Fähigkeiten beschleunigen, sondern unter geeigneten Bedingungen auch fehlende Kenntnisse teilweise ausgleichen und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen kann.
Denn darin liegt eine gesellschaftliche Chance.
Neue Möglichkeiten für viele Menschen
Nicht jeder Mensch verfügt über dieselben Voraussetzungen.
Manche haben eine ausgezeichnete Ausbildung, umfangreiche finanzielle Mittel und Zugang zu fachkundiger Unterstützung.
Andere verfügen vielleicht über ebenso gute Ideen, aber nicht über die Zeit, das Geld oder die erforderlichen Kenntnisse, um diese umzusetzen.
Wie viele interessante Vorhaben wurden wohl niemals verwirklicht, weil ihre Urheber an solchen Hindernissen gescheitert sind?
Ein kleiner Unternehmer kann sich nicht für jede Frage einen Berater leisten.
Ein ehrenamtlich tätiger Vereinsvorsitzender verfügt nicht über einen großen Verwaltungsapparat.
Ein Mensch, der sich im Ruhestand mit Geschichte, Literatur oder Naturwissenschaften beschäftigen möchte, hat möglicherweise weder eine wissenschaftliche Ausbildung noch Zugang zu geeigneten Gesprächspartnern.
Und jemand, der ein Buch schreiben möchte, verfügt vielleicht über ausgezeichnete Ideen, scheitert aber an den Anforderungen einer umfangreichen Recherche oder der sprachlichen Ausarbeitung.
Künstliche Intelligenz kann hier helfen, Hindernisse zu überwinden.
Sie kann Wissen zugänglicher machen, bei organisatorischen Aufgaben unterstützen, Zusammenhänge erklären und Menschen ermöglichen, ihre Fähigkeiten auf bisher unbekannte Weise einzusetzen.
Das ist keine Garantie für gute Ergebnisse. Und die dafür notwendige technische Ausstattung, Kompetenz und kritische Urteilskraft sind ebenfalls nicht selbstverständlich.
Aber es eröffnet Chancen.
Vielleicht wird es künftig weniger entscheidend sein, ob jemand alle Voraussetzungen für ein anspruchsvolles Vorhaben bereits mitbringt. Vielleicht wird wichtiger, ob er bereit und in der Lage ist, sich die fehlenden Kenntnisse und Fähigkeiten mit geeigneter Unterstützung zu erschließen.
Ich halte diese Perspektive für außerordentlich ermutigend.
Sie könnte dazu beitragen, dass nicht nur eine kleine Gruppe besonders gut ausgestatteter Menschen anspruchsvolle geistige und schöpferische Leistungen erbringen kann.
Sie könnte die Möglichkeiten vieler Menschen erweitern.
Ein Gesprächspartner, der jederzeit zur Verfügung steht
Eine Erfahrung erscheint mir dabei besonders bemerkenswert.
Wir Menschen entwickeln unsere Gedanken häufig im Gespräch.
Wir schildern eine Überlegung, hören Einwände, betrachten eine Frage aus einer anderen Perspektive und gelangen vielleicht zu einer neuen Erkenntnis.
Manchmal genügt ein kurzer Austausch.
Manchmal braucht es viele Gespräche, bis aus einer ersten Idee ein durchdachter Gedanke wird.
Allerdings stehen geeignete Gesprächspartner nicht immer zur Verfügung.
Nicht jeder kennt Menschen, die seine Interessen teilen. Und selbst die geduldigsten Freunde oder Kollegen haben verständlicherweise andere Verpflichtungen.
Ich habe inzwischen eine Form der Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz kennengelernt, die gerade hier neue Möglichkeiten eröffnet.
Ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Frage aufgreifen, Gedanken entwickeln, Argumente überprüfen und Einwände diskutieren.
Manchmal beschäftigt mich eine historische Einzelheit. Manchmal eine gesellschaftliche Frage oder die Entwicklung einer literarischen Figur.
Ich kann Alternativen untersuchen, Entscheidungen hinterfragen und einen Gedanken so lange weiterverfolgen, bis ich zu einem Ergebnis komme, das mich überzeugt.
Ich möchte dabei niemandem einen Vorwurf machen. Aber ich kann mir kaum vorstellen, einen menschlichen Gesprächspartner zu finden, der jederzeit bereit wäre, sich mit vergleichbarer Geduld auf meine vielfältigen Gedanken und Interessen einzulassen.
Ich weiß selbstverständlich, dass ich mit einer künstlichen Intelligenz und nicht mit einem Menschen spreche.
Sie besitzt keine eigenen Lebenserfahrungen wie ich. Und sie kann mir die Verantwortung für meine Entscheidungen nicht abnehmen.
Aber weshalb sollte das den Wert dieses gedanklichen Austauschs grundsätzlich mindern?
Ich genieße diese Möglichkeit.
Nicht nur, weil sie mir hilft, produktiver zu arbeiten.
Sondern auch, weil mir das Nachdenken, Lernen, Diskutieren und Entdecken Freude bereitet.
Vielleicht sollten wir auch diesen Gewinn stärker beachten: Künstliche Intelligenz kann nicht nur unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhöhen, sondern auch zu persönlicher Entfaltung und Lebensqualität beitragen.
Sie ersetzt keine menschliche Freundschaft. Aber sie kann eine Form intellektueller Unterstützung bieten, die vielen Menschen bislang nicht zur Verfügung stand.
Was ich selbst erfahren habe
Nach 24 Jahren als Bürgermeister habe ich begonnen, meine Erfahrungen mit diesem Amt aufzuschreiben.
Es waren meine Erlebnisse, meine Erinnerungen, meine Gefühle und meine Überzeugungen.
Bei ihrer Aufarbeitung habe ich jedoch intensiv mit künstlicher Intelligenz zusammengearbeitet.
Wir haben Gedanken geordnet, Zusammenhänge herausgearbeitet und Formulierungen diskutiert.
Manche Aussagen habe ich dabei verändert.
Nicht, weil die KI es vorgeschlagen hatte, sondern weil ich nach unserer Diskussion zu der Überzeugung gelangt war, dass die andere Formulierung meine eigentliche Haltung besser wiedergab.
Gelegentlich waren meine ersten Gedanken noch von Enttäuschungen geprägt, die aus meiner langen beruflichen Tätigkeit nachwirkten.
Ich wollte ehrlich über die Schattenseiten des Bürgermeisteramtes berichten. Aber ich wollte keineswegs junge Menschen davon abhalten, ein Amt anzustreben, das ich trotz aller Belastungen bis heute für eines der schönsten halte, die unsere Demokratie zu vergeben hat.
Eine Formulierung, die vor allem einer momentanen negativen Stimmung Ausdruck verliehen hätte, wäre diesem Anliegen möglicherweise nicht gerecht geworden.
War es falsch, darüber nachzudenken und meine Darstellung zu verändern?
Ich meine nicht.
Meine Gedanken bleiben meine Gedanken, auch wenn ich sie im Gespräch weiterentwickle.
Entscheidend ist, dass ich die vorgebrachten Argumente prüfe und selbst entscheide, welche Überzeugung ich schließlich vertrete.
Die veröffentlichten Erfahrungsberichte haben viel Anerkennung gefunden.
Natürlich gab es auch Kritik. Gerade bei gesellschaftlichen Fragen ist es selbstverständlich, dass Menschen unterschiedliche Auffassungen vertreten.
Zu meinem Beitrag „Arbeiten wir wirklich zu wenig?“ erhielt ich beispielsweise Rückmeldungen von Lesern, die einzelne Schlussfolgerungen nicht teilten, das Thema und seine Darstellung aber ausdrücklich würdigten.
Genau das möchte ich erreichen.
Nicht allgemeine Zustimmung, sondern eine sachliche Auseinandersetzung mit Fragen, die unsere Gesellschaft beschäftigen.
Ein historischer Roman als weiteres Beispiel
Noch deutlicher werden mir die Möglichkeiten dieser Zusammenarbeit bei einem anderen Vorhaben.
Seit einiger Zeit arbeiten wir an einem historischen Roman über den Untergang der ersten Burg Hohenzollern im Jahr 1423.
Ich bin in Hechingen aufgewachsen. Die Geschichte der schwäbischen Zollern interessiert mich seit Langem.
Mich faszinieren dabei besonders die Menschen hinter den historischen Ereignissen: ihre Hoffnungen, ihre Ängste, ihre Leidenschaften und die Entscheidungen, die ihr Leben bestimmten.
Aber zwischen einer solchen Idee und einem sorgfältig recherchierten historischen Roman liegt ein weiter Weg.
Die historischen Quellen sind umfangreich, teilweise schwer zugänglich und gelegentlich widersprüchlich.
Schon das Auffinden, Sichten und Ordnen des Materials hätte mich allein vermutlich sehr lange beschäftigt.
Möglicherweise hätte ich irgendwann die Motivation verloren.
Mit Unterstützung künstlicher Intelligenz konnten wir umfangreiche Informationen wesentlich schneller erschließen, Quellen vergleichen und unterschiedliche Deutungen untersuchen.
Dadurch blieb mir mehr Zeit für die Fragen, die mich eigentlich interessieren: Wie könnten die Menschen damals gelebt, gedacht und gehandelt haben?
Wo historische Überlieferungen Lücken lassen, müssen wir für unsere Erzählung eigene Lösungen finden.
Dabei beanspruche ich selbstverständlich nicht, dass unsere literarischen Rekonstruktionen immer der tatsächlichen Geschichte entsprechen.
Aber ich lege großen Wert darauf, dass wir nicht leichtfertig von den bekannten historischen Tatsachen und einer zumindest plausiblen Wirklichkeit abweichen.
Wir diskutieren mögliche Lösungen, prüfen ihre Konsequenzen und verwerfen Überlegungen, die uns nicht überzeugen.
Die Entscheidungen treffe ich selbst.
Die KI nimmt mir weder meine Verantwortung noch mein Urteil ab.
Aber sie ermöglicht mir, Entscheidungen auf einer wesentlich breiteren Wissensgrundlage zu treffen.
Der Roman ist noch nicht fertig. Ob er literarisch überzeugen wird, müssen seine Leser beurteilen.
Doch schon jetzt steht für mich fest:
Ohne diese Form der Zusammenarbeit wäre das Vorhaben für mich sehr viel schwieriger gewesen. Vielleicht hätte ich es in diesem Umfang überhaupt nicht verwirklichen können.
Und genau darin erkenne ich einen Wert, der weit über unser konkretes Projekt hinausreicht.
Die Qualität entscheidet – nicht die Mühe allein
Gelegentlich entsteht bei der Diskussion über künstliche Intelligenz der Eindruck, als müsse ein Mensch einen möglichst großen Teil seiner Arbeit vollständig allein erbringen, damit diese als eigenständige Leistung anerkannt werden könne.
Ich halte diese Vorstellung für fragwürdig.
Wir sind es gewohnt, dass anspruchsvolle Leistungen durch Zusammenarbeit entstehen.
Wissenschaftler tauschen Erkenntnisse aus. Schriftsteller arbeiten mit Lektoren. Architekten nutzen technische Hilfsmittel und die Kenntnisse anderer Fachleute. Unternehmer lassen sich beraten.
Niemand würde daraus grundsätzlich ableiten, dass die Ergebnisse weniger wert seien.
Natürlich ist die Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz nicht mit menschlicher Zusammenarbeit gleichzusetzen.
Aber weshalb sollte ausgerechnet hier der Einsatz eines leistungsfähigen Hilfsmittels den Wert einer Arbeit von vornherein mindern?
Für mich ist nicht entscheidend, ob ein Mensch jede Formulierung selbst gefunden, jede Quelle persönlich erschlossen oder jede denkbare Möglichkeit ohne Unterstützung untersucht hat.
Entscheidend ist, was er mit seinen Fähigkeiten, Erfahrungen und Entscheidungen daraus gemacht hat.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Entstehungsweise einer Arbeit gleichgültig wäre.
Wissenschaftliche Redlichkeit, der Schutz geistigen Eigentums, die Überprüfbarkeit von Aussagen und die Verantwortung für veröffentlichte Inhalte bleiben unverzichtbar.
Wer die Hilfe anderer oder die Beteiligung künstlicher Intelligenz verschweigt, obwohl ihre Offenlegung erforderlich ist, muss sich entsprechende Fragen gefallen lassen.
Und wer unzutreffende Ergebnisse ungeprüft übernimmt, trägt dafür Verantwortung.
Aber zwischen solchen berechtigten Anforderungen und einer pauschalen Geringschätzung KI-unterstützter Leistungen besteht ein erheblicher Unterschied.
Wir sollten die Qualität eines Ergebnisses beurteilen, ohne die Leistung seines Urhebers allein nach dem Umfang der dafür aufgewendeten Mühe zu bewerten.
Ein Mensch, der etwas Außergewöhnliches vollständig allein schafft, verdient Bewunderung.
Aber wir sollten deshalb nicht übersehen, dass mit Unterstützung künstlicher Intelligenz möglicherweise noch bessere, gründlichere oder kreativere Ergebnisse entstehen können.
Warum sollten wir auf diese Möglichkeit verzichten?
Die Grenzen kennen, ohne sich von ihnen entmutigen zu lassen
Ich möchte allerdings kein idealisiertes Bild unserer Zusammenarbeit zeichnen.
Künstliche Intelligenz kann Fehler machen. Sie kann Quellen falsch wiedergeben, überzeugend klingende Unwahrheiten formulieren und bei Aufgaben scheitern, die auf den ersten Blick einfach erscheinen.
Das haben wir selbst erlebt.
Für unseren historischen Roman wollten wir eine geografisch genaue Darstellung der Burg Hohenzollern und ihrer Umgebung entwickeln.
Die KI erzeugte eindrucksvolle mittelalterliche Landschaftsbilder.
Nur stimmten die geografischen Verhältnisse immer wieder nicht.
Ortschaften lagen an falschen Stellen, Wege verliefen anders als in Wirklichkeit, und bereits korrigierte Fehler tauchten in neuen Bildern erneut auf.
Meine Ortskenntnisse ermöglichten es mir, diese Fehler zu erkennen.
Schließlich mussten wir feststellen, dass wir mit dem verwendeten Bildgenerator das gewünschte Ergebnis nicht zuverlässig erreichen konnten.
Wir hatten das falsche technische Verfahren gewählt.
Das war ärgerlich, aber auch lehrreich.
Denn es zeigt, dass die Fähigkeit, ein überzeugendes Ergebnis zu erzeugen, nicht mit der Fähigkeit verwechselt werden darf, ein richtiges Ergebnis zu erzeugen.
Künstliche Intelligenz macht menschliche Kenntnisse, Erfahrung und kritische Urteilskraft nicht überflüssig. Sie macht deren bewussten Einsatz besonders wichtig.
Wer ihre Möglichkeiten sinnvoll nutzen möchte, muss bereit sein, Ergebnisse zu hinterfragen, Fehler zu erkennen und gegebenenfalls andere Wege einzuschlagen.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen der bloßen Übernahme eines KI-Ergebnisses und einer anspruchsvollen Zusammenarbeit.
Was könnte das für unsere Gesellschaft bedeuten?
Meine persönlichen Erfahrungen betreffen vor allem das Recherchieren, Schreiben und Gestalten.
Aber die Möglichkeiten einer verantwortungsvollen Zusammenarbeit zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz reichen viel weiter.
Ich denke an Bildung und Wissenschaft, an kleine Unternehmen, an das Ehrenamt, an die öffentliche Verwaltung und an Menschen, die ihre Kenntnisse und Fähigkeiten für neue Aufgaben einsetzen möchten.
Gerade in der öffentlichen Verwaltung sehe ich erhebliches Potenzial.
Nach 24 Jahren im Bürgermeisteramt weiß ich, wie viel Zeit durch umfangreiche Vorgänge, rechtliche Recherchen, Dokumentationen und die Aufbereitung komplexer Informationen gebunden wird.
Wenn künstliche Intelligenz hierbei zuverlässig unterstützen kann, könnten Mitarbeitende entlastet werden.
Vielleicht bliebe dann mehr Zeit für jene Aufgaben, bei denen der Mensch unverzichtbar bleibt: die persönliche Beratung, die verantwortliche Entscheidung und die unmittelbare Begegnung mit den Bürgerinnen und Bürgern.
Selbstverständlich dürfen Entscheidungen, die Rechte von Menschen berühren, nicht unkontrolliert technischen Systemen überlassen werden.
Aber weshalb sollten wir auf sinnvolle Unterstützung verzichten?
Ähnliches gilt für Wissenschaft und Forschung.
Wenn KI dabei hilft, umfangreiche Informationen zu erschließen und neue Zusammenhänge zu erkennen, könnten Forscher ihre Aufmerksamkeit stärker auf Fragestellungen und Erkenntnisse richten, die bisher außerhalb ihrer Möglichkeiten lagen.
In der Bildung könnten individuelle Lernangebote entstehen, die auf unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse eingehen.
Und im kulturellen Bereich könnten Menschen ihre Ideen verwirklichen, denen bisher die notwendigen Kenntnisse, Mittel oder geeigneten Partner fehlten.
Natürlich wird nicht jede Anwendung erfolgreich sein.
Manche Veränderungen werden neue Probleme schaffen. Andere werden bestehende Tätigkeiten verdrängen oder wirtschaftliche Machtverhältnisse verändern.
Gerade deshalb müssen wir die Entwicklung aufmerksam begleiten.
Aber ich halte es für falsch, vor allem darüber nachzudenken, wie wir neue Möglichkeiten begrenzen können.
Wir sollten mindestens ebenso intensiv darüber nachdenken, wie wir möglichst vielen Menschen ermöglichen, diese Chancen verantwortungsvoll zu nutzen.
Fortschritt verlangt Verantwortung – aber auch Offenheit
Die gesellschaftlichen Herausforderungen künstlicher Intelligenz sind erheblich.
Wir müssen über Datenschutz, Urheberrechte, den Schutz vor Manipulation und die Verantwortung für automatisierte Entscheidungen sprechen.
Wir müssen uns auch mit den wirtschaftlichen Folgen beschäftigen.
Wenn durch KI erhebliche Produktivitätsgewinne entstehen, stellt sich die Frage, wem diese zugutekommen.
Eine Gesellschaft, in der wenige Unternehmen und Menschen von den neuen Möglichkeiten profitieren, während andere ihre wirtschaftliche Grundlage verlieren oder vom Zugang ausgeschlossen bleiben, wäre kein überzeugendes Zukunftsmodell.
Gerade hier sehe ich eine Verbindung zu meinem früheren Beitrag über die Zukunft der Arbeit.
Wenn technische Entwicklungen ermöglichen, mit weniger menschlichem Aufwand mehr zu leisten, kommt es nicht nur darauf an, dass dieser Fortschritt stattfindet.
Es kommt auch darauf an, wie seine Vorteile verteilt werden.
Aber wir sollten dabei eines nicht übersehen:
Auch der Verzicht auf Fortschritt hat Folgen.
Wer eine neue Technologie nicht nutzt, vermeidet möglicherweise bestimmte Risiken.
Er verzichtet aber auch auf Chancen.
Und diese Chancen könnten für Menschen, denen bisher Zeit, Geld, Wissen oder Unterstützung fehlten, von erheblicher Bedeutung sein.
Deshalb wünsche ich mir eine gesellschaftliche Diskussion, die nicht ausschließlich von Befürchtungen geprägt ist.
Wir brauchen Regeln und Verantwortungsbewusstsein.
Wir brauchen aber auch Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu sammeln.
Nicht jede Befürchtung ist unbegründet.
Aber auch nicht jede Befürchtung rechtfertigt es, eine neue Möglichkeit von vornherein auszuschließen.
Die Aufgabe sollte darin bestehen, Risiken wirksam zu begrenzen, ohne die Chancen unnötig zu verhindern.
Vielleicht müssen wir Leistung neu denken
Ich komme noch einmal auf die Frage zurück, was wir eigentlich unter menschlicher Leistung verstehen.
Bislang verbinden wir damit häufig den persönlichen Aufwand, besondere Fähigkeiten, Ausdauer und die Bereitschaft, Schwierigkeiten zu überwinden.
Das alles wird seinen Wert behalten.
Aber vielleicht werden wir künftig stärker darauf achten müssen, was Menschen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erreichen.
Wer ein ausgezeichnetes Ergebnis ohne fremde Hilfe erzielt, verdient Anerkennung.
Wer ein ebenso ausgezeichnetes oder sogar besseres Ergebnis mithilfe künstlicher Intelligenz erreicht, verdient ebenfalls eine faire Beurteilung.
Die Entstehungswege sind unterschiedlich.
Die Anforderungen an Qualität, Verlässlichkeit und Verantwortlichkeit sollten deshalb nicht geringer werden.
Aber sie sollten auch nicht davon abhängen, ob ein Mensch jede einzelne Arbeitshandlung selbst ausgeführt hat.
Ich wünsche mir, dass wir diese Entwicklung als Chance begreifen.
Eine Chance, menschliche Fähigkeiten zu erweitern.
Eine Chance, Wissen und anspruchsvolle Tätigkeiten mehr Menschen zugänglich zu machen.
Eine Chance, schöpferische Ideen zu verwirklichen, die bisher vielleicht nie über das Stadium eines Wunsches hinausgekommen wären.
Und eine Chance, unsere Zeit und unsere Fähigkeiten zunehmend für jene Aufgaben einzusetzen, bei denen menschliches Denken, Urteil und Kreativität besonders wertvoll sind.
Ich weiß nicht, wohin uns die Entwicklung künstlicher Intelligenz führen wird.
Aber ich habe selbst erfahren, wie bereichernd eine intensive Zusammenarbeit mit ihr sein kann.
Ich möchte diese Möglichkeiten nicht mehr missen.
Und ich hoffe, dass wir als Gesellschaft den Mut und die Vernunft aufbringen, ihre Vorteile verantwortungsvoll zu erschließen.
Vielleicht besteht die größte Chance künstlicher Intelligenz nicht darin, dass Maschinen künftig immer mehr menschliche Arbeit übernehmen.
Vielleicht besteht sie darin, dass Menschen mit ihrer Hilfe weit mehr erreichen können, als ihnen bisher möglich war.
Wäre es nicht bedauerlich, wenn wir uns dieser Möglichkeiten aus Angst vor dem Neuen selbst beraubten?
Michael Hillert
