Am 13. Mai 2026 wurde ich nach 24 Jahren als Bürgermeister der Gemeinde Dettingen an der Erms verabschiedet. Am 15. Mai 2002 hatte ich dieses Amt angetreten. Damals wusste ich natürlich, dass ein Bürgermeister Verantwortung trägt. Aber man weiß am Anfang eines solchen Weges nicht wirklich, was diese Verantwortung mit einem macht, wie sehr sie das eigene Leben prägt und wie tief man mit einer Gemeinde verbunden wird.
24 Jahre sind keine Episode. Sie sind ein wesentlicher Teil meines Lebens. Dettingen war in dieser Zeit nicht nur mein Dienstort. Die Gemeinde, ihre Menschen, ihre Konflikte, ihre Hoffnungen, ihre Sorgen und ihre Entwicklung sind Teil meiner eigenen Lebensgeschichte geworden.
Ich möchte keine klassische Erfolgsbilanz ziehen. Nicht, weil es nichts zu berichten gäbe. In 24 Jahren geschieht viel. Eine Gemeinde verändert sich. Aufgaben wachsen. Erwartungen verschieben sich. Krisen kommen hinzu. Menschen gehen, andere übernehmen Verantwortung.
Aber mir geht es hier nicht darum, Projekte aufzuzählen oder mich selbst noch einmal in ein gutes Licht zu rücken. Wer lange Bürgermeister war, weiß ohnehin: Was gelungen ist, war nie das Werk eines Einzelnen. Ohne Gemeinderat, Verwaltung, Bürgerschaft, Vereine, Kirchen, Unternehmen, Ehrenamtliche und viele engagierte Menschen wäre nichts von dem möglich gewesen, was eine Gemeinde trägt.
Ein Bürgermeister steht oft vorne. Aber getragen wird eine Gemeinde von Vielen.
Nah bei den Menschen
Das Bürgermeisteramt ist eines der unmittelbarsten politischen Ämter, die unsere Demokratie kennt. In der Gemeinde bleibt Politik nicht abstrakt. Sie hat Gesichter, Namen, Straßen, Kindergärten, Schulen, Friedhöfe, Feuerwehr, Wasserleitungen, Bauplätze, Sportanlagen, Vereinsfeste, Familiengeschichten und manchmal auch sehr persönliche Notlagen.
Gerade diese Nähe macht das Amt so besonders. In Dettingen begegnet man sich nicht nur in Sitzungen oder Akten. Man begegnet sich auf der Straße, beim Einkaufen, auf dem Wochenmarkt, bei Vereinsfesten, bei Geburtstagen, bei Beerdigungen, bei Einweihungen, in Gesprächen zwischen Tür und Angel und manchmal auch in Momenten, in denen Menschen nicht mehr weiterwissen.
Ich habe diese Nähe immer als Stärke der kommunalen Ebene empfunden. Man kann sich nicht hinter großen Apparaten verstecken. Wer Bürgermeister ist, wird angesprochen. Man wird gelobt, kritisiert, gefragt, manchmal bedrängt, manchmal auch einfach gebraucht. Das kann anstrengend sein. Aber es ist auch der Kern dieses Amtes.
Verantwortung ist konkret
Ich habe Publizistik, Recht und Politik studiert. Vielleicht hat mich gerade diese Mischung geprägt: die Bedeutung von Sprache, die Bindung an Recht und die Notwendigkeit politischer Abwägung. Im Bürgermeisteramt kommen diese drei Dinge täglich zusammen. Man muss erklären können. Man muss rechtlich sauber handeln. Und man muss politisch entscheiden.
Das klingt nüchtern. In der Wirklichkeit ist es oft schwer.
Denn Verantwortung in der Gemeinde ist konkret. Sie betrifft nicht abstrakte Systeme, sondern Menschen, Grundstücke, Gebühren, Bauwünsche, Arbeitsplätze, Kinderbetreuung, Vereine, Straßen, Personal, Finanzen und manchmal Schicksale.
Geld ist begrenzt. Personal ist begrenzt. Recht setzt Grenzen. Und manchmal stehen berechtigte Interessen gegeneinander. Ein Bürgermeister kann beraten, zuhören, vermitteln und erklären. Aber irgendwann muss er entscheiden oder eine Entscheidung vertreten.
Diese letzte Verantwortung lässt sich nicht vollständig teilen.
Nicht alles ist steuerbar
Wer lange Bürgermeister ist, lernt Demut. Nicht alles, was gelingt, ist allein Verdienst. Und nicht alles, was misslingt, ist persönliches Versagen. Eine Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Sie wird von wirtschaftlichen Entwicklungen, gesellschaftlichen Veränderungen, rechtlichen Vorgaben, finanziellen Rahmenbedingungen, persönlichen Beziehungen und Zufällen geprägt.
Man kann gestalten. Aber man kann nicht alles steuern.
Das ist eine wichtige Erkenntnis. Sie schützt vor Selbstüberschätzung. Und sie hilft, auch mit Enttäuschungen umzugehen. Eine ehrliche Bilanz besteht nicht nur aus gelungenen Vorhaben. Sie besteht auch aus Lernprozessen.
Kritik gehört dazu – persönliche Verletzung nicht
Wer sich um ein öffentliches Amt bewirbt, muss Kritik aushalten. Das ist selbstverständlich. Eine Gemeinde ist keine Gefolgschaftsgemeinschaft, sondern demokratischer Raum. Bürgerinnen und Bürger dürfen widersprechen. Gemeinderäte müssen kontrollieren. Verwaltungshandeln muss transparent und rechtmäßig sein.
Ohne Kritik gibt es keine lebendige Demokratie.
Aber es gibt eine Grenze. Kritik an Entscheidungen ist notwendig. Persönliche Herabsetzung, Unterstellungen, Dauerverdächtigungen oder Angriffe auf das private Umfeld sind es nicht.
In den vergangenen Jahren hat sich der Ton in vielen Bereichen verändert. Nicht überall, nicht bei allen, aber spürbar. Soziale Medien, schnelle Empörung, Misstrauen gegenüber Institutionen und eine allgemeine Verrohung öffentlicher Debatten machen auch vor Rathäusern nicht halt.
Ich will nicht jammern. Wer Bürgermeister ist, darf nicht dünnhäutig sein. Aber eine Demokratie beschädigt sich selbst, wenn sie Menschen, die Verantwortung übernehmen, zum Freiwild macht.
Die Einsamkeit des Amtes
Über die Einsamkeit des Bürgermeisteramtes wird zu wenig gesprochen. Gemeint ist nicht menschliche Einsamkeit im privaten Sinn. Gemeint ist die besondere Lage, in der man als direkt gewählter Bürgermeister steht.
Man ist Teil der Verwaltung, aber nicht einfach Verwaltungsmitarbeiter. Man ist Vorsitzender des Gemeinderats, aber nicht Teil einer Fraktion. Man ist Ansprechpartner der Bürgerschaft, aber kann nicht jedem Anliegen folgen. Man ist Dienstvorgesetzter, Repräsentant, Krisenmanager, Vermittler und Projektträger zugleich.
Diese Mehrfachrolle kann erfüllen, aber auch erschöpfen. Bürger erwarten Nähe. Mitarbeitende erwarten Führung. Gemeinderäte erwarten Information und Beteiligung. Aufsichtsbehörden erwarten Rechtmäßigkeit. Die Öffentlichkeit erwartet Erklärungen. Und in Krisen erwarten alle zugleich Sicherheit.
Das ist nicht beklagenswert. Es gehört zum Amt. Aber man sollte es ehrlich benennen. Dieses Amt hat keinen echten Feierabend. Auch wenn der Arbeitstag endet, bleibt die Verantwortung innerlich oft präsent.
Wenn das Amt an Grenzen führt
Ich habe in diesen 24 Jahren nicht nur schöne Seiten des Bürgermeisteramtes gesehen. Es gibt reale Fälle von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, die krank wurden, die ihr Amt niederlegten, die durch Dauerbelastung, politische Isolation, familiären Druck, öffentliche Anfeindungen oder Konflikte mit Gemeinderat und Bürgerschaft an ihre Grenzen kamen. Manche Fälle endeten tragisch.
Ich nenne bewusst keine Namen. Es geht nicht darum, einzelne Menschen nachträglich zu bewerten oder private Lebensgeschichten öffentlich auszubreiten. Aber es wäre ebenso falsch, diese Fälle zu verschweigen.
Sie zeigen, dass das Bürgermeisteramt nicht nur Gestaltungsmacht verleiht, sondern Menschen auch schwer belasten kann.
Eine demokratische Gemeinde darf nicht erst dann Mitgefühl zeigen, wenn jemand zusammenbricht. Sie muss vorher Strukturen haben, die schützen: klare Zuständigkeiten, verlässliche Stellvertretung, kollegiale Beratung, Schutz vor Bedrohungen und eine politische Kultur, die Streit von persönlicher Vernichtung unterscheidet.
Dankbarkeit und Ernüchterung
Ich gehe dankbar aus diesem Amt. Diese Dankbarkeit ist echt. Ich durfte gestalten, lernen, Menschen begleiten und eine Gemeinde über lange Zeit mitverantworten. Ich habe Vertrauen erfahren, Unterstützung, Loyalität und viele Formen des Engagements. Das bleibt.
Aber Dankbarkeit bedeutet nicht Naivität. Wer nach 24 Jahren nur erzählt, wie schön alles war, wird dem Amt nicht gerecht. Wer nur klagt, allerdings auch nicht. Die Wahrheit liegt dazwischen.
Das Bürgermeisteramt ist eines der schönsten Ämter, die man in unserer Demokratie ausüben kann.
Aber es hat seinen Preis.
Dieser Preis besteht nicht nur in langen Arbeitstagen. Er besteht in dauernder Verfügbarkeit, öffentlicher Beobachtung, persönlicher Angreifbarkeit, rechtlicher Verantwortung, finanziellen Zwängen, emotionaler Beanspruchung und manchmal in der Erfahrung, dass man es trotz größter Anstrengung nicht allen recht machen kann.
Was ich weitergeben möchte
Wenn ich jungen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern oder Menschen, die sich ein solches Amt überlegen, etwas mitgeben sollte, dann dies:
Bewahrt euch Freude an Menschen. Ohne sie geht es nicht.
Achtet auf eure Verwaltung. Gute Mitarbeitende sind kein Apparat, sondern das Rückgrat kommunaler Handlungsfähigkeit.
Nehmt den Gemeinderat ernst. Er ist nicht Störung, sondern demokratischer Partner.
Erklärt Entscheidungen. Nicht jede Entscheidung wird dadurch beliebt, aber sie wird nachvollziehbarer.
Sucht rechtzeitig Rat. Stärke zeigt sich nicht darin, alles allein auszuhalten. Stärke zeigt sich auch darin, Belastung zu erkennen und Hilfe anzunehmen.
Und vor allem: Verliert nicht den Maßstab. Nicht jede Kritik ist Feindschaft. Nicht jeder Konflikt ist Drama. Nicht jede Niederlage ist Scheitern. Aber auch nicht jede Zumutung muss schweigend hingenommen werden.
Übergänge brauchen Zurückhaltung
Zu den Erfahrungen dieses Amtes gehört auch, dass man lernen muss, sich zurückzunehmen. Das gilt nicht nur im laufenden Amt, sondern besonders in der Zeit des Übergangs.
Gerade am Ende meiner Amtszeit war und ist mir wichtig, meinem Nachfolger Felix Schiffner eigene Freiräume zu lassen. Wer ein Amt übernimmt, muss es selbst ausfüllen können. Ein Vorgänger sollte nicht im Schatten weiterregieren, kommentieren oder Erwartungen festlegen, bevor der Neue seinen eigenen Weg gefunden hat.
Auch das gehört zu einem geordneten Abschied: loslassen können, ohne sich abzuwenden. Erfahrung weitergeben, ohne zu bevormunden. Dankbar zurückblicken, ohne dem Nachfolger die Zukunft zu verstellen.
Dieser Text ist ein Anfang. In weiteren Beiträgen möchte ich einzelne Erfahrungen vertiefen: Nähe und Öffentlichkeit, Gemeinderat und Verwaltung, Erwartungen und Grenzen, persönliche Belastung und die Frage, was kommunale Demokratie heute braucht.
Fortsetzung: „Nähe als Geschenk und Zumutung“
Zur Übersicht: „Das schönste Amt – und sein Preis“
