Aus der Reihe „Das schönste Amt – und sein Preis“.
Dieser Beitrag vertieft einen Gedanken aus meinem Erfahrungsbericht über 24 Jahre Bürgermeisteramt: die Nähe zu den Menschen – als eine der schönsten Seiten des Amtes und zugleich als eine seiner besonderen Zumutungen.
Warum das Bürgermeisteramt so unmittelbar ist
Wer Bürgermeister ist, erlebt Demokratie nicht aus der Ferne.
Er erlebt sie nicht nur in Sitzungen, Vorlagen, Beschlüssen und Haushaltsplänen. Er erlebt sie auf der Straße, beim Einkaufen, am Rande eines Vereinsfestes, bei einer Beerdigung, im Gespräch mit Eltern, mit Handwerkern, mit Landwirten, mit Unternehmern, mit Gemeinderäten, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – und mit Menschen, die etwas wollen, etwas brauchen oder etwas loswerden müssen.
Das ist eine der schönsten Seiten dieses Amtes.
Die Gemeinde als Ort konkreter Politik
Die Gemeinde ist der Ort, an dem Politik konkret wird.
Hier geht es nicht um abstrakte Programme, sondern um den Kindergartenplatz, die Straße vor dem Haus, den Bauantrag, die Feuerwehr, den Friedhof, den Wasserrohrbruch, die Vereinsförderung, den Schulweg, die Grundsteuer, die Halle, das Gewerbegebiet, den Spielplatz, die Betreuung im Alter und manchmal auch um ganz persönliche Notlagen.
In der Gemeinde hat Politik ein Gesicht.
Und sie bekommt eine Stimme.
Wer Bürgermeister ist, darf sehr viel Nähe erleben. Menschen erzählen Dinge, die sie nicht jedem erzählen. Sie kommen mit Sorgen, mit Ärger, mit Hoffnungen, mit Erwartungen. Manchmal auch mit Dankbarkeit.
Manchmal genügt ein kurzes Gespräch, ein Anruf, eine Erklärung, ein Zeichen, dass jemand gehört wurde.
Nicht jedes Problem lässt sich lösen. Aber nicht selten hilft es schon, wenn jemand zuständig ist, zuhört und sich kümmert.
Diese Nähe kann tragen. Sie gibt dem Amt Sinn.
Denn am Ende besteht kommunale Politik nicht nur aus Zuständigkeiten und Paragrafen. Sie besteht aus Beziehungen. Aus Vertrauen. Aus dem Wissen, dass man sich wieder begegnet.
Wer in einer Gemeinde Verantwortung trägt, kann sich nicht hinter einer fernen Institution verstecken. Man ist sichtbar. Man ist ansprechbar. Man ist Teil des Ortes, über den man entscheidet.
Das ist ein großer Wert.
Aber genau darin liegt auch die Zumutung.
Nicht jede Gemeinde ist gleich
Nähe wird nicht in jeder Gemeinde gleich erlebt.
Es macht einen Unterschied, ob jemand Bürgermeister einer kleinen Gemeinde mit wenigen tausend Einwohnern ist, einer mittleren Gemeinde, einer größeren Gemeinde mit rund 10.000 Einwohnern oder einer Stadt mit 50.000 oder 100.000 Einwohnern.
Baden-Württemberg ist trotz aller Veränderungen noch immer stark von kleinen und mittleren Gemeinden geprägt. Viele Gemeinden liegen unter 5.000 Einwohnern. Dort dürfte die persönliche Unmittelbarkeit des Amtes oft noch stärker sein als in einer Gemeinde wie Dettingen an der Erms.
Man kennt den Bürgermeister nicht nur aus der Zeitung oder von offiziellen Anlässen. Man kennt ihn persönlich, vom Sehen, aus Vereinen, aus Familienzusammenhängen, aus der Nachbarschaft oder aus früheren Begegnungen.
Gemeinden zwischen 5.000 und 10.000 Einwohnern würde ich als mittlere Gemeinden ansehen. Dort gibt es meist schon eine gewisse Verwaltungsstruktur, aber vieles bündelt sich weiterhin sehr stark in der Person des Bürgermeisters.
Eine Gemeinde von rund 10.000 Einwohnern ist im baden-württembergischen Vergleich keine kleine Gemeinde mehr. Sie ist eher eine größere Gemeinde, manchmal auch bereits Stadt, aber häufig noch weit entfernt von jener ausgebauten Verwaltungs- und Dezernatsstruktur, die größere Städte prägt.
Gerade in dieser Größenordnung bleibt die Rolle des Bürgermeisters sehr unmittelbar. Er ist Behördenleiter, politischer Repräsentant, Vorsitzender des Gemeinderats, Ansprechpartner der Bürgerschaft und für viele Menschen das erkennbare Gesicht der Gemeinde.
Mit wachsender Gemeindegröße verändert sich diese Wahrnehmung. Ab einer bestimmten Größe können hauptamtliche Beigeordnete, Dezernate, Fachämter, Pressestellen und weitere Leitungsebenen entstehen. Verantwortung wird dann organisatorisch breiter verteilt.
Das kann entlasten, weil nicht jedes Anliegen unmittelbar bei der Person an der Spitze ankommt.
Die Verantwortung verschwindet dadurch nicht. Sie verändert sich.
In größeren Städten wird sie oft politischer, medialer, strategischer und institutioneller. Die persönliche Ansprache beim Bäcker oder am Spielfeldrand mag weniger prägend sein. Dafür wachsen andere Belastungen: größere Öffentlichkeit, stärkere Medienbeobachtung, komplexere Verwaltungsstrukturen, Fraktionslogik, organisierte Interessen, größere Haushalte und eine andere Dimension von Personalverantwortung.
Ich schreibe deshalb aus einer bestimmten Erfahrung heraus: aus der Erfahrung einer größeren Gemeinde im baden-württembergischen Maßstab, aber noch mit einer sehr unmittelbaren Bürgermeisterrolle.
Dettingen an der Erms war groß genug, um viele Aufgaben einer leistungsfähigen Gemeinde bewältigen zu müssen. Aber die Gemeinde war zugleich klein genug, dass Amt und Person kaum voneinander zu trennen waren.
Wenn Amt und Person zusammenfallen
Man ist Bürgermeister im Rathaus.
Aber man bleibt es auch beim Bäcker, im Supermarkt, beim Spaziergang, beim Vereinsfest, beim Empfang, bei der Feuerwehr, auf dem Friedhof, auf dem Wochenmarkt und manchmal in Situationen, in denen man eigentlich nur privat unterwegs sein möchte.
Natürlich gehört Ansprechbarkeit zum Amt. Wer dieses Amt übernimmt, weiß das.
Ein Bürgermeister darf nicht unnahbar sein. Er muss erreichbar bleiben, gerade weil die Gemeinde von Vertrauen lebt.
Aber aus Erreichbarkeit kann Dauerverfügbarkeit werden. Aus berechtigter Ansprache kann Erwartungsdruck werden. Aus Kritik an einer Sache kann persönliche Vereinnahmung werden.
Das beginnt oft unspektakulär.
„Nur eine kurze Frage.“
„Ich weiß, Sie sind privat hier, aber …“
„Darf ich Sie trotzdem kurz ansprechen?“
„Sie kennen doch den Fall.“
„Warum macht die Gemeinde da nichts?“
„Da müssen Sie doch etwas tun.“
Viele dieser Gespräche sind harmlos. Manche sind wichtig. Manche führen sogar zu guten Lösungen.
Aber in der Summe entsteht etwas, das schwer zu erklären ist: Das Amt bleibt innerlich immer eingeschaltet.
Jedes Anliegen ist für jemanden wichtig
Es gibt Menschen, die meinen es freundlich. Andere sind verärgert. Wieder andere haben über Jahre ein Thema, das sie nicht loslässt.
Manchmal geht es um ein reales Problem. Manchmal um ein Missverständnis. Manchmal um eine Enttäuschung, die längst nicht mehr nur mit der Sache zu tun hat.
Ein Bürgermeister lernt mit der Zeit, dass jedes Anliegen für den Betroffenen zunächst einmal das wichtigste Anliegen ist.
Für die Verwaltung aber ist es eines unter vielen.
Genau daraus entsteht Spannung. Der Einzelne erwartet Aufmerksamkeit, Tempo und möglichst eine Entscheidung in seinem Sinne. Die Gemeinde muss prüfen, abwägen, finanzieren, rechtlich sauber handeln und auch die Interessen anderer berücksichtigen.
Das ist nicht immer leicht zu vermitteln.
Nähe schafft Erwartungen. Wer den Bürgermeister persönlich kennt, hofft manchmal, dass dadurch etwas schneller, einfacher oder günstiger geht.
Gerade das darf aber nicht sein.
Die Nähe darf nicht zur Bevorzugung werden. Ein Bürgermeister muss freundlich bleiben und zugleich Abstand halten. Er muss zuhören und trotzdem nach Recht und Gleichbehandlung entscheiden. Er muss erklären, warum manches nicht geht, obwohl er den Menschen gegenübersteht, die davon betroffen sind.
Das ist eine der schwierigsten Aufgaben im Amt: menschlich nah bleiben und sachlich korrekt handeln.
In der Theorie klingt das selbstverständlich.
In der Praxis ist es oft anstrengend.
Entscheidungen haben Gesichter
Denn man sieht die Gesichter hinter den Entscheidungen.
Man weiß, wer enttäuscht ist. Man begegnet dem Menschen wieder, dessen Wunsch abgelehnt wurde. Man trifft den Vereinsvorsitzenden, dem man sagen musste, dass nicht alles finanziert werden kann. Man spricht mit Eltern, die eine andere Lösung für ihr Kind erhofft hatten. Man kennt Grundstückseigentümer, Nachbarn, Ehrenamtliche, Mitarbeiter, Betroffene.
Das unterscheidet die Kommunalpolitik von vielen anderen Ebenen.
Entscheidungen verschwinden nicht in der Anonymität. Sie bleiben im Ort sichtbar.
Das ist demokratisch wertvoll.
Aber es kostet Kraft.
Hinzu kommt: Nähe führt nicht automatisch zu Verständnis. Man könnte meinen, wer die örtlichen Verhältnisse kennt, versteht auch die Zwänge besser.
Manchmal stimmt das. Oft aber ist das Gegenteil der Fall.
Gerade weil man sich kennt, werden Erwartungen persönlicher. Dann heißt es nicht: „Die Gemeinde hat entschieden.“ Dann heißt es: „Warum haben Sie das zugelassen?“ Oder: „Warum helfen Sie mir nicht?“
So wird aus institutioneller Verantwortung persönliche Verantwortung.
Natürlich trägt ein Bürgermeister persönliche Verantwortung. Aber er entscheidet nicht im luftleeren Raum. Er ist an Gesetze gebunden, an Gemeinderatsbeschlüsse, an Haushaltsmittel, an Zuständigkeiten, an Verfahren, an Personalressourcen und manchmal schlicht an die Wirklichkeit.
Das erklärt sich nicht immer in einem Gespräch zwischen Tür und Angel.
Und doch muss man es immer wieder versuchen.
Denn ohne Erklärung entsteht Misstrauen. Ohne Zuhören entsteht Distanz. Ohne Distanz entsteht Überforderung.
Das ist die Spannung des Amtes.
Nähe braucht Grenzen
Die Nähe zur Bürgerschaft ist Geschenk, weil sie Vertrauen ermöglicht.
Sie ist Zumutung, weil sie kaum Pausen kennt.
Sie ist demokratisch notwendig, weil Gemeindepolitik von Begegnung lebt.
Sie ist persönlich riskant, weil sie den Amtsträger angreifbar macht.
Besonders spürbar wird das in Konflikten. Solange etwas gelingt, wird Nähe als angenehm empfunden. Man grüßt sich, man bedankt sich, man freut sich über das Erreichte.
Wenn aber eine Entscheidung schmerzt, verändert sich der Blick.
Dann wird aus der bekannten Person schnell die verantwortliche Person. Aus dem Gesprächspartner wird derjenige, der angeblich nicht wollte, nicht konnte oder nicht genug getan hat.
Das muss ein Bürgermeister aushalten.
Aber aushalten heißt nicht, dass es spurlos bleibt.
Ich glaube, über diesen Punkt wird zu wenig gesprochen. Viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister wirken nach außen belastbar, routiniert und souverän. Das gehört zur Rolle.
Man kann nicht bei jeder Kritik zeigen, wie sehr sie einen trifft. Man kann nicht jeden Abend erklären, was ein Gespräch ausgelöst hat. Man kann nicht jedes Missverständnis öffentlich richtigstellen. Und man sollte auch nicht jede Verletzung wichtig nehmen.
Aber wer so tut, als sei das alles nur Teil des Geschäfts und damit erledigt, macht es sich zu einfach.
Das Amt verlangt Nähe. Aber es bietet nicht automatisch Schutz vor den Folgen dieser Nähe.
Der Bürgermeister bleibt Mensch
Darum braucht es eine Kultur, die beides anerkennt: Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht darauf, ihre Anliegen vorzubringen. Sie dürfen kritisch sein. Sie dürfen widersprechen. Sie dürfen hart in der Sache sein.
Aber die Gemeinde als demokratischer Raum lebt auch davon, dass man den Menschen im Amt nicht auf seine Funktion reduziert.
Der Bürgermeister ist Amtsträger.
Aber er bleibt Mensch.
Diese Unterscheidung klingt banal. Sie ist es nicht.
Denn die direkte Wahl gibt dem Bürgermeister eine besondere Stellung. Er hat ein starkes Mandat. Er ist sichtbar. Er führt die Verwaltung. Er repräsentiert die Gemeinde. Er sitzt dem Gemeinderat vor. Er ist Ansprechpartner der Bürgerschaft.
Gerade deshalb wird vieles auf ihn bezogen, was tatsächlich Ergebnis komplizierter Verfahren, kollektiver Entscheidungen oder äußerer Zwänge ist.
Manchmal ist diese Sichtbarkeit hilfreich. Sie schafft Orientierung. Die Menschen wissen, an wen sie sich wenden können. In Krisen ist das wichtig. Eine Gemeinde braucht ein Gesicht, das Verantwortung übernimmt.
Aber Sichtbarkeit macht verletzlich.
Wer sichtbar ist, kann gelobt werden. Wer sichtbar ist, kann aber auch zur Projektionsfläche werden: für Unzufriedenheit, für Misstrauen, für Ärger, der an anderer Stelle entstanden ist, für politische Gegnerschaft oder für Enttäuschungen, die sich über Jahre angesammelt haben.
Nähe ist deshalb nie nur freundlich.
Sie kann warm sein, aber auch bedrängend. Sie kann Vertrauen schaffen, aber auch Druck. Sie kann Sinn geben, aber auch erschöpfen.
Warum ich diese Nähe trotzdem nicht missen möchte
Trotzdem würde ich diese Nähe nicht missen wollen.
Denn ohne sie wäre das Bürgermeisteramt ein anderes Amt. Ärmer. Kälter. Verwaltungstechnischer.
Gerade die Begegnungen machen es besonders: die Gespräche mit Menschen, die man über Jahre begleitet; die Vereine, die etwas aufbauen; die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen; die Gemeinderäte, mit denen man ringt und am Ende doch etwas zustande bringt; die Momente, in denen eine Lösung gelingt, weil Menschen einander vertrauen.
Diese Erfahrungen bleiben.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Würde des Bürgermeisteramtes: Man ist nicht nur Entscheider. Man ist Teil eines Gemeinwesens.
Man erlebt, wie eine Gemeinde funktioniert, wie sie streitet, wie sie zusammenhält, wie sie sich verändert, wie sie Krisen bewältigt und wie viel sie den Menschen bedeutet.
Aber gerade deshalb sollten wir ehrlicher über die Bedingungen sprechen, unter denen dieses Amt ausgeübt wird.
Nähe braucht Maß.
Ansprechbarkeit braucht Grenzen.
Kritik braucht Fairness.
Verantwortung braucht Rückhalt.
Und ein Amt, das so sehr von Menschen lebt, darf die Menschen, die es ausüben, nicht verbrauchen.
Das ist keine Klage.
Es ist eine Erfahrung.
Nach 24 Jahren weiß ich: Die Nähe zu den Menschen war eine der schönsten Seiten meines Amtes. Sie hat mir Vertrauen geschenkt, Sinn gegeben und viele Begegnungen ermöglicht, die ich nicht vergessen werde.
Aber Nähe hat auch ihren Preis. Sie fordert Aufmerksamkeit, Geduld, innere Stärke und die Fähigkeit, sich selbst nicht völlig im Amt zu verlieren.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lehren: Ein Bürgermeister muss nah bei den Menschen sein. Aber er darf nicht so nah sein, dass er keinen eigenen Raum mehr behält.
Denn nur wer selbst stehen bleibt, kann anderen verlässlich begegnen.
Fortsetzung:
„Mehr leisten, weniger kosten – die unmögliche Rechnung der Kommunen“
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