Warum demokratischer Streit notwendig ist — und wo er zerstörerisch wird
Aus der Reihe „Das schönste Amt – und sein Preis“.
Dieser Beitrag vertieft eine Erfahrung, die zum Bürgermeisteramt untrennbar dazugehört: Wer öffentliche Verantwortung übernimmt, muss Kritik aushalten. Aber eine demokratische Gemeinde muss auch wissen, wo Kritik endet und persönliche Beschädigung beginnt.
Ohne Kritik gibt es keine lebendige Demokratie.
Das gilt besonders in der Gemeinde. Hier werden Entscheidungen nicht abstrakt getroffen. Sie betreffen Grundstücke, Gebühren, Bauvorhaben, Straßen, Kindergärten, Schulen, Vereine, Feuerwehr, Friedhöfe, Personal, Finanzen und viele andere Lebensbereiche. Wer davon betroffen ist, darf Fragen stellen. Wer eine andere Meinung hat, darf widersprechen. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, darf das sagen.
Ein Bürgermeister muss das aushalten.
Er ist gewählt. Er steht vorne. Er trägt Verantwortung. Er repräsentiert die Gemeinde, leitet die Verwaltung, sitzt dem Gemeinderat vor und ist Ansprechpartner der Bürgerschaft. Wer ein solches Amt übernimmt, kann nicht erwarten, nur Zustimmung zu erhalten.
Kritik gehört zum Amt.
Kontrolle auch.
Ein Gemeinderat, der nicht kontrolliert, erfüllt seine Aufgabe nicht. Bürgerinnen und Bürger, die nicht nachfragen, nutzen ihre demokratischen Möglichkeiten nicht. Eine Presse, die nicht kritisch berichtet, würde ihrer Rolle nicht gerecht. Verwaltungshandeln muss überprüfbar sein. Entscheidungen müssen begründet werden. Macht braucht Gegenmacht. Verantwortung braucht Öffentlichkeit.
Daran gibt es nichts zu deuteln.
Aber Kritik ist nicht grenzenlos.
Hart in der Sache
Demokratischer Streit darf hart sein.
Es darf um Geld gehen, um Prioritäten, um Fehler, um Versäumnisse, um schlechte Kommunikation, um politische Linie, um Stil, um Entscheidungen, die Menschen belasten. Es darf gefragt werden, warum etwas so lange dauert. Warum Kosten steigen. Warum ein Baugebiet kommt oder nicht kommt. Warum eine Straße saniert wird und eine andere nicht. Warum Gebühren erhöht werden. Warum ein Antrag abgelehnt wurde. Warum die Verwaltung so entscheidet, wie sie entscheidet.
Solche Fragen sind nicht nur erlaubt. Sie sind notwendig.
Ein Bürgermeister muss erklären können, was er tut. Er muss begründen, warum nicht alles möglich ist. Er muss auch Fehler eingestehen können. Nicht jede Kritik ist angenehm. Aber angenehme Kritik allein hätte für die Demokratie wenig Wert.
Ich habe Kritik nie grundsätzlich als Bedrohung empfunden.
Manchmal war sie berechtigt. Manchmal war sie überzogen. Manchmal beruhte sie auf Missverständnissen. Manchmal traf sie einen wunden Punkt. Manchmal war sie politisch motiviert. Manchmal war sie persönlich gefärbt, ohne ausdrücklich persönlich gemeint zu sein.
Das muss man unterscheiden lernen.
Wer Bürgermeister ist, darf nicht dünnhäutig sein. Nicht jede scharfe Formulierung ist ein Angriff. Nicht jeder Ärger ist unfair. Nicht jeder Vorwurf ist bösartig. Bürgerinnen und Bürger erleben Verwaltung oft aus einer konkreten Betroffenheit heraus. Für sie geht es dann nicht um ein abstraktes Verfahren, sondern um ihr Grundstück, ihr Kind, ihre Straße, ihren Verein, ihre Rechnung, ihre Sorge.
Dafür braucht man Verständnis.
Aber Verständnis bedeutet nicht, jede Form des Umgangs hinzunehmen.
Kritik trifft nicht immer nur die Sache
Ich will dabei nicht so tun, als sei ich selbst immer souverän mit Kritik umgegangen.
Es gab in meiner Amtszeit durchaus Situationen, in denen mir Kritik naheging. Besonders dann, wenn sie sich nicht nur wie Kritik an einer Entscheidung, sondern wie Kritik an meiner Person anfühlte. Wer Verantwortung trägt, muss Kritik aushalten. Das wusste ich. Aber Wissen und Empfinden sind nicht immer dasselbe.
Ein Bürgermeister ist kein neutraler Verwaltungsautomat. Er bringt Erfahrung, Haltung, Überzeugungen und auch persönliche Verletzlichkeit mit. Deshalb kann Kritik treffen, selbst wenn man nach außen ruhig bleibt.
Gerade darum ist Selbstprüfung wichtig: Ist eine Kritik berechtigt? Habe ich schlecht erklärt? Habe ich zu spät reagiert? Habe ich einen Fehler gemacht? Oder trifft mich etwas nur deshalb, weil ich es zu persönlich nehme?
Diese Fragen gehören zum Amt.
Gleichzeitig habe ich in manchen Konflikten auch erlebt, dass mangelnde Sachargumente durch persönliche Anfeindungen ersetzt wurden. Wo die Sache nicht mehr trug, wurde die Person angegriffen. Wo eine rechtliche oder fachliche Argumentation schwach war, wurden Motive unterstellt.
Das ist menschlich vielleicht erklärbar.
Demokratisch ist es problematisch.
Denn ein Bürgermeister soll und muss Integrationsfigur sein. Er soll verbinden, ausgleichen, moderieren und die Gemeinde zusammenhalten. Aber er kann nicht nur ausgleichen. Er muss auch Standpunkte vertreten. Nicht immer nur eigene. Manchmal vertritt er rechtliche Grenzen, fachliche Einschätzungen der Verwaltung, Beschlüsse des Gemeinderats oder Entscheidungen, die sich aus Haushalt, Verfahren und Gleichbehandlung ergeben.
Wer einen klaren Standpunkt vertritt, kann auch polarisieren.
Das lässt sich nicht vollständig vermeiden.
Entscheidend ist, dass diese Polarisierung nicht überhandnimmt. Wenn jede Sachfrage zur Personenfrage wird, wenn jede Meinungsverschiedenheit zum Loyalitätstest wird und wenn jeder Widerspruch das Verhältnis vergiftet, verliert Kommunalpolitik ihre verbindende Kraft.
Wo die Grenze beginnt
Die Grenze beginnt dort, wo nicht mehr die Sache im Mittelpunkt steht, sondern die Person beschädigt werden soll.
Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt: „Diese Entscheidung halte ich für falsch“ — oder ob jemand unterstellt, der Bürgermeister handle bewusst rechtswidrig, eigennützig, parteiisch oder aus persönlichen Motiven, ohne dafür Anhaltspunkte zu haben.
Es ist ein Unterschied, ob jemand nachfragt — oder ob jemand dauernd Verdächtigungen streut.
Es ist ein Unterschied, ob jemand eine Gebühr kritisiert — oder ob jemand Menschen in der Verwaltung persönlich herabsetzt.
Es ist ein Unterschied, ob jemand in einer Bürgerversammlung widerspricht — oder ob er versucht, eine Person öffentlich bloßzustellen.
Es ist ein Unterschied, ob jemand hart argumentiert — oder ob er Gerüchte, Halbwahrheiten und Unterstellungen in Umlauf bringt.
Diese Unterschiede sind wichtig.
Denn eine demokratische Kultur lebt nicht nur davon, dass man widersprechen darf. Sie lebt auch davon, dass man den anderen nicht vernichtet, nur weil man ihn für falsch hält.
Das gilt für Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Es gilt aber genauso für Gemeinderäte, Verwaltungsmitarbeitende, Ehrenamtliche und Bürgerinnen und Bürger. Eine Gemeinde ist kein rechtsfreier Empörungsraum. Sie ist ein Gemeinwesen. Und ein Gemeinwesen braucht Formen des Umgangs, die Streit ermöglichen, ohne Menschen zu zerstören.
Wenn Kritik zur Bedrohung wird
In den vergangenen Jahren ist auch Gewalt gegen Amtsträgerinnen und Amtsträger stärker in den Blick geraten.
Ich selbst würde nicht sagen, dass dies meine Amtszeit geprägt hat. Ich habe keine Erfahrungen gemacht, die mich dauerhaft verängstigt oder in meiner Amtsführung beeinträchtigt hätten.
Bedrohungen gab es allerdings auch in meiner Zeit.
In einzelnen Situationen wurde mir gegenüber Gewalt angedroht. Einmal wurde ich bei einem Ortstermin in einer Bausache sogar ausdrücklich mit dem Tod bedroht. Der Vorfall blieb für mich dennoch nicht bestimmend. Ich habe ihn damals nicht dramatisiert und mich dadurch auch nicht nachhaltig beunruhigen lassen.
Vielleicht hatte das auch mit meiner persönlichen Biografie zu tun. Wer zwölf Jahre Soldat war, nimmt angedrohte Gewalt möglicherweise anders wahr als jemand, der solche Erfahrungen nicht mitbringt. Das bedeutet nicht, dass solche Drohungen harmlos wären. Es erklärt nur, warum sie mich persönlich weniger erschüttert haben, als man vielleicht erwarten könnte.
Gerade deshalb möchte ich vorsichtig bleiben: Ich kann und will aus meiner eigenen Erfahrung keine große persönliche Opfergeschichte machen.
Aber auch eine Drohung, die einen selbst nicht tief trifft, bleibt eine Grenzüberschreitung.
Eine demokratische Gemeinde darf harten Streit aushalten. Sie muss Widerspruch, Ärger, Protest und auch scharfe Kritik ermöglichen. Aber wenn aus Kritik Einschüchterung wird, wenn Gewalt angedroht oder Menschen persönlich bedroht werden, ist eine Grenze überschritten.
Dann geht es nicht mehr nur um den einzelnen Amtsträger.
Dann geht es um die Frage, ob Menschen bereit bleiben, öffentliche Verantwortung zu übernehmen.
Die besondere Lage der Kommunalpolitik
Kommunalpolitik ist besonders empfindlich, weil man sich wieder begegnet.
In der Landes- oder Bundespolitik bleiben viele Auseinandersetzungen auf Distanz. In der Gemeinde nicht. Wer heute im Gemeinderat streitet, trifft sich morgen beim Vereinsfest. Wer heute eine Verwaltungsvorlage kritisiert, begegnet dem Bürgermeister vielleicht am Samstag beim Einkaufen. Wer heute in einer Bürgerversammlung laut wird, wohnt weiterhin im selben Ort.
Das kann heilsam sein.
Es zwingt dazu, trotz Streit miteinander auszukommen. Es erinnert daran, dass der politische Gegner nicht nur Gegner ist, sondern Nachbar, Vereinsmitglied, Elternteil, Unternehmer, Ehrenamtlicher oder einfach Mitbürger.
Aber diese Nähe kann Konflikte auch verschärfen.
Weil alles persönlicher wird. Weil alte Geschichten mitschwingen. Weil politische Entscheidungen mit privaten Enttäuschungen verwechselt werden. Weil man Menschen kennt und deshalb meint, ihre Motive zu kennen. Weil Gerüchte kurze Wege haben. Weil aus einer Sachfrage schnell eine Beziehungsgeschichte wird.
Gerade deshalb braucht Kommunalpolitik eine besondere Kultur der Fairness.
Sie braucht klare Worte.
Aber sie braucht auch Maß.
Konflikte werden konkret
Besonders deutlich wird diese Spannung an Konflikten, die eine Gemeinde unmittelbar berühren.
In meiner Amtszeit habe ich einige Auseinandersetzungen erlebt, die für mich prägend waren. Dabei ging es nicht um große ideologische Fragen, sondern um sehr konkrete örtliche Entscheidungen.
Ein frühes Beispiel waren Verkehrsregelungen in Wohngebieten: Tempo 30, Vorfahrtsregelungen, Rechts-vor-links. Rückblickend mag nicht jede Entscheidung optimal kommuniziert worden sein. Die ablehnende Reaktion kam für mich dennoch in ihrer Heftigkeit überraschend. Der Druck auf Gemeinderat, Verwaltung und Bürgermeister war beachtlich.
Gerade solche Fälle zeigen, wie schwierig kommunale Entscheidungen sein können. Wenn eine Regelung einmal getroffen ist, ist ein einfaches „Zurück“ nicht immer möglich. Rechtliche Vorgaben, Gleichbehandlung, Verkehrssicherheit und fachliche Bewertungen setzen Grenzen. Viele Bürgerinnen und Bürger erleben aber zunächst nur die Veränderung vor der eigenen Haustür. Dann geht es nicht mehr um ein abstraktes Verkehrskonzept, sondern um tägliche Wege, Gewohnheiten und das Gefühl, dass einem etwas zugemutet wird.
Ähnlich konfliktträchtig waren freiwillige Umlegungen. Auch hier lagen die Interessen offen zutage. Grundstückseigentümer wollten verständlicherweise ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten wahren oder verbessern. Die Gemeinde musste dagegen versuchen, Flächen so zu ordnen und zu erschließen, dass am Ende bezahlbare und tragfähige Lösungen möglich blieben.
Das ist ein legitimer Interessenkonflikt.
Aber auch legitime Interessenkonflikte können sehr hart werden, wenn jeder Quadratmeter, jeder Preis und jede Zuteilung unmittelbar spürbar wird.
Heftig und nicht immer fair wurde auch über Kunst im öffentlichen Raum gestritten, etwa bei der Gestaltung eines innerörtlichen Kreisverkehrs. Solche Themen werden leicht unterschätzt. Was für die einen ein Beitrag zur Gestaltung des Ortsbildes ist, erscheint anderen als überflüssig, teuer, unpassend oder aufgezwungen. Gerade weil Kunst nicht nur funktional ist, berührt sie Geschmack, Identität und die Frage, wem der öffentliche Raum gehört.
Zuletzt erlebte ich starke Auseinandersetzungen um fahrradfreundlichere Verkehrsregelungen und das Parken im öffentlichen Straßenraum. Auch hier ging es nicht nur um Verkehr. Es ging um Gewohnheiten. Wer über Jahre selbstverständlich vor dem Haus auf öffentlicher Fläche geparkt hat, empfindet eine Einschränkung schnell als Verlust.
Dass öffentliche Straßen nicht einfach privater Dauerparkraum sind, ist rechtlich und sachlich leicht gesagt. Politisch und menschlich ist es schwerer durchzusetzen. Denn am Ende bedeutet es für manche, das eigene Grundstück wieder für das Auto nutzbar zu machen oder die Garage nicht länger als Abstellraum zu verwenden.
Solche Beispiele zeigen: Kommunalpolitik greift tief in den Alltag ein. Sie ordnet nicht nur abstrakt. Sie verändert Gewohnheiten, wirtschaftliche Erwartungen, Wege, Parkplätze, Ortsbilder und Nachbarschaften.
Deshalb entsteht Kritik.
Und deshalb darf Kritik auch entstehen.
Aber gerade weil diese Konflikte so konkret sind, müssen alle Beteiligten darauf achten, dass aus berechtigtem Ärger keine persönliche Abwertung wird. Ein Bürgermeister kann und muss solche Entscheidungen vertreten. Manchmal vertritt er dabei nicht einmal nur seine eigene Meinung, sondern rechtliche Vorgaben, fachliche Bewertungen, Haushaltsgrenzen oder Beschlüsse des Gemeinderats.
Er soll integrieren.
Aber er kann nicht immer nur ausgleichen.
Manchmal muss er eine Grenze ziehen, eine Entscheidung erklären oder eine Zumutung vertreten. Dadurch kann er polarisieren. Das ist nicht immer vermeidbar. Entscheidend ist aber, dass diese Polarisierung nicht überhandnimmt und nicht jede Sachfrage zur Personenfrage wird.
Die Rolle des Gemeinderats
Ein Gemeinderat ist kein Beifallsgremium.
Er hat zu beraten, zu entscheiden und zu kontrollieren. Er soll unterschiedliche Meinungen abbilden. Er soll die Verwaltung fordern. Er soll den Bürgermeister nicht schonen, wenn Fragen offen sind oder Entscheidungen nicht überzeugen.
Das ist richtig.
Aber Kontrolle verliert ihre demokratische Kraft, wenn sie zur persönlichen Gegnerschaft wird.
Ein Gemeinderat darf hart in der Sache sein. Er darf Nachweise verlangen. Er darf Akten einsehen, Fragen stellen, Anträge ablehnen, andere politische Wege suchen und öffentlich widersprechen. Das alles gehört zum Amt.
Aber auch hier gibt es eine Grenze.
Wer dauerhaft unterstellt, wer Vertrauen grundsätzlich verweigert, wer jede Vorlage als Täuschung liest, wer Verwaltung und Bürgermeister nur noch als Gegner betrachtet, beschädigt nicht nur einzelne Personen. Er beschädigt die Arbeitsfähigkeit der Gemeinde.
Denn eine Gemeinde braucht beides: Kontrolle und Vertrauen.
Kontrolle ohne Vertrauen wird lähmend.
Vertrauen ohne Kontrolle wird gefährlich.
Die Kunst liegt im Gleichgewicht.
Die Rolle der Bürgerschaft
Auch Bürgerinnen und Bürger haben eine wichtige Rolle.
Sie dürfen Erwartungen haben. Sie dürfen Druck machen. Sie dürfen sich zusammenschließen, Einwendungen erheben, Anträge stellen, Fragen stellen, Leserbriefe schreiben, Versammlungen besuchen und Entscheidungen öffentlich kritisieren.
Das alles ist Demokratie.
Aber auch hier gilt: Ein Anspruch auf Gehör ist nicht dasselbe wie ein Anspruch darauf, recht zu bekommen.
Nicht jedes persönliche Anliegen kann erfüllt werden. Nicht jeder Wunsch ist finanzierbar. Nicht jede Erwartung ist rechtlich zulässig. Nicht jedes Interesse kann sich gegen andere Interessen durchsetzen. Eine Gemeinde muss abwägen. Sie muss gleich behandeln. Sie muss Verfahren einhalten. Sie muss auch Nein sagen können.
Gerade dieses Nein ist oft schwer auszuhalten.
Für die Bürgerinnen und Bürger — und für den Bürgermeister.
Denn wer Nein sagt, steht vor Menschen. Nicht vor Akten. Er sieht Enttäuschung, Ärger, Unverständnis. Er weiß, dass eine rechtlich richtige Entscheidung menschlich trotzdem hart sein kann.
Aber aus Enttäuschung darf nicht Verachtung werden.
Eine Gemeinde bleibt nur dann demokratisch stark, wenn Menschen auch dann miteinander umgehen können, wenn sie nicht bekommen, was sie wollten.
Soziale Medien und schnelle Empörung
In den letzten Jahren hat sich der Ton verändert.
Nicht nur in der großen Politik. Auch in den Gemeinden.
Soziale Medien haben vieles erleichtert. Informationen verbreiten sich schneller. Bürgerinnen und Bürger können sich leichter äußern. Themen werden sichtbarer. Kritik findet schneller Öffentlichkeit.
Das hat demokratische Vorteile.
Aber es hat auch Schattenseiten.
Empörung ist schneller als Klärung. Verdacht ist schneller als Prüfung. Eine zugespitzte Behauptung verbreitet sich leichter als eine differenzierte Erklärung. Wer laut ist, wirkt manchmal glaubwürdiger als derjenige, der sorgfältig abwägt. Und wer eine Verwaltung kennt, weiß: Die richtige Antwort braucht oft länger als der falsche Vorwurf.
Hinzu kommt, dass Verwaltung nicht immer frei antworten kann.
Datenschutz, Personalrecht, laufende Verfahren, rechtliche Risiken, Rücksicht auf Dritte und die Pflicht zur Sachlichkeit setzen Grenzen. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht. Der Vorwurf ist öffentlich. Die vollständige Antwort ist manchmal nicht möglich.
Das kann gefährlich werden.
Nicht, weil Kritik verhindert werden soll. Sondern weil eine Öffentlichkeit, die nur noch empört, aber nicht mehr prüft, am Ende ihrer eigenen Demokratie schadet.
Was eine reife Streitkultur ausmacht
Eine reife politische Kultur erkennt an, dass Streit notwendig ist.
Sie verlangt nicht Harmonie um jeden Preis. Sie erwartet nicht, dass alle einer Meinung sind. Sie verwechselt Kritik nicht mit Illoyalität. Sie weiß, dass Demokratie ohne Widerspruch verkümmert.
Aber sie unterscheidet.
Zwischen Kritik und Verachtung.
Zwischen Kontrolle und Misstrauenskultur.
Zwischen Fehlerbenennung und persönlicher Herabsetzung.
Zwischen öffentlicher Debatte und öffentlicher Bloßstellung.
Zwischen berechtigtem Ärger und Einschüchterung.
Diese Unterscheidungen müssen immer wieder neu eingeübt werden. In Gemeinderäten. In Verwaltungen. In Vereinen. In Bürgerversammlungen. In sozialen Medien. Und im persönlichen Gespräch.
Eine Gemeinde ist nicht nur eine Verwaltungseinheit. Sie ist ein Raum des Zusammenlebens. Wenn dieser Raum vergiftet wird, leidet mehr als eine einzelne Entscheidung. Dann leidet das Vertrauen, ohne das kommunale Demokratie nicht funktionieren kann.
Was Bürgermeisterinnen und Bürgermeister selbst beitragen müssen
Natürlich liegt die Verantwortung nicht nur bei anderen.
Auch Bürgermeisterinnen und Bürgermeister müssen ihren Teil beitragen.
Sie müssen erreichbar bleiben. Sie müssen erklären. Sie müssen zuhören. Sie müssen Kritik ernst nehmen. Sie müssen transparent handeln, soweit es rechtlich und tatsächlich möglich ist. Sie müssen Fehler korrigieren und dürfen nicht jede Einwendung als Angriff verstehen.
Wer ein öffentliches Amt ausübt, braucht die Fähigkeit zur Selbstkritik.
Nicht jede Beschwerde ist unfair. Nicht jeder Vorwurf ist haltlos. Nicht jede Unzufriedenheit ist Ausdruck einer schlechten politischen Kultur. Manchmal liegt der Fehler tatsächlich im Rathaus. Manchmal wurde schlecht kommuniziert. Manchmal war eine Entscheidung zwar vertretbar, aber nicht gut erklärt. Manchmal hat man selbst zu spät reagiert.
Das muss man sehen können.
Aber Selbstkritik darf nicht zur Selbstaufgabe werden.
Ein Bürgermeister muss nicht alles hinnehmen, nur weil er Bürgermeister ist. Er muss nicht jede Unterstellung still ertragen. Er muss nicht jede persönliche Herabsetzung als Preis des Amtes akzeptieren. Und er muss auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen, wenn aus Kritik an der Verwaltung persönliche Angriffe werden.
Führung bedeutet auch, Grenzen zu setzen.
Nicht Freiwild, sondern verantwortlich
Wer öffentliche Verantwortung übernimmt, macht sich angreifbar.
Das lässt sich nicht vermeiden.
Aber angreifbar zu sein bedeutet nicht, Freiwild zu sein.
Diese Unterscheidung ist mir wichtig.
Ein Bürgermeister muss öffentlich kritisiert werden können. Er muss sich Fragen stellen. Er muss Mehrheiten suchen und Niederlagen hinnehmen. Er muss damit leben, dass Menschen ihn falsch einschätzen, Entscheidungen ablehnen oder ihm politisch widersprechen.
Aber eine Demokratie beschädigt sich selbst, wenn sie diejenigen, die Verantwortung übernehmen, menschlich entwertet.
Das betrifft nicht nur Bürgermeister.
Es betrifft Gemeinderäte, Verwaltungsmitarbeitende, Schulleitungen, Einsatzkräfte, Ehrenamtliche und viele andere, die vor Ort Verantwortung tragen. Wenn der Ton so wird, dass vernünftige Menschen sich zurückziehen, verlieren am Ende nicht die Amtsträger allein.
Dann verliert die Gemeinde.
Denn Demokratie braucht Menschen, die bereit sind, sichtbar Verantwortung zu übernehmen.
Schluss
Ich schreibe das nicht, um Kritik abzuwehren.
Im Gegenteil.
Kritik hat mich in 24 Jahren oft begleitet. Manches daran war hilfreich. Manches war unbequem. Manches war berechtigt. Manches war überzogen. So ist das in einem öffentlichen Amt.
Ich will auch nicht behaupten, dass ich selbst immer gleich gut damit umgehen konnte. Kritik kann treffen. Besonders dann, wenn sie sich persönlich anfühlt, obwohl sie vielleicht sachlich gemeint war — oder wenn sie tatsächlich persönlich gemeint ist, obwohl sie sachlich daherkommt.
Aber nach 24 Jahren weiß ich auch: Eine Gemeinde braucht nicht nur Entscheidungen, Verfahren und Mehrheiten. Sie braucht eine politische Kultur, die Streit ermöglicht, ohne Menschen zu beschädigen.
Hart in der Sache — fair im Umgang.
Das klingt einfach.
Es ist aber eine der anspruchsvollsten Voraussetzungen kommunaler Demokratie.
Wer das Bürgermeisteramt schützen will, muss nicht den Bürgermeister vor Kritik schützen. Er muss die demokratische Kultur vor Verrohung schützen.
Denn wenn Kritik zur persönlichen Vernichtung wird, verliert nicht nur ein Mensch.
Dann verliert die Gemeinde.
Zur Übersicht: „Das schönste Amt – und sein Preis“
Fortsetzung: „Wenn Verantwortung krank machen kann“
