Wenn Verantwortung krank machen kann

Leere Holzbank an einem ruhigen Wanderweg durch eine sommerliche Landschaft

Es gibt Seiten des Bürgermeisteramtes, über die man gerne spricht. Gestaltungsmöglichkeiten gehören dazu. Nähe zu den Menschen. Vertrauen. Die Erfahrung, gemeinsam mit anderen etwas für eine Gemeinde bewegen zu können.

Über eine andere Seite wird deutlich weniger gesprochen: darüber, was dauerhafte Verantwortung mit einem Menschen machen kann.

Ich habe in 24 Jahren als Bürgermeister erlebt und beobachtet, dass dieses Amt Menschen stark fordern kann. Es gibt Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die krank wurden, die ihr Amt vorzeitig niederlegten, die durch Dauerbelastung, politische Isolation, öffentliche Anfeindungen, familiären Druck oder festgefahrene Konflikte an persönliche Grenzen kamen. Manche Fälle endeten tragisch.

Ich nenne bewusst keine Namen. Es geht mir nicht darum, einzelne Lebensgeschichten öffentlich auszubreiten oder im Nachhinein Ursachen festzulegen, die sich von außen ohnehin kaum eindeutig beurteilen lassen.

Aber es wäre ebenso falsch, solche Entwicklungen zu verschweigen.

Denn auch ich habe erlebt, dass Verantwortung an eine Grenze führen kann.

Als der Wahlsieg sich nicht wie ein Sieg anfühlte

Im März 2010 stand meine erste Wiederwahl als Bürgermeister an. Nach meinem Gefühl waren die Voraussetzungen dafür nicht optimal – und es gab durchaus objektive Anzeichen dafür.

In meiner ersten Amtszeit hatten wir einiges erreicht. Ein neues Bürgerbüro war entstanden, in dem die Bürgerinnen und Bürger in offenen, hellen Räumen einen großen Teil ihrer Anliegen zentral erledigen konnten. Straßen- und Tiefbaumaßnahmen waren umgesetzt worden, darunter neue Regenüberlaufbecken. An den Gewässern zweiter Ordnung hatten wir früh erste Maßnahmen gegen Hochwasser nach Starkregen ergriffen. Und für den in Dettingen wichtigen Streuobstbau war ein Kirschenweg entstanden. Ein großes Kirschenfest in der Dettinger Landschaft hatte weit über den Ort hinaus Besucher angezogen.

Trotzdem standen die Zeichen für meine Wiederwahl keineswegs selbstverständlich auf Grün.

Ein wesentlicher Grund war ein neues Geschwindigkeitskonzept für den gesamten Ort. Auf den Durchgangsstraßen galt Tempo 40 – 50 erschien uns angesichts der teilweise schmalen Straßen zu schnell, Tempo 30 dort wiederum zu langsam. In den Wohngebieten wurde flächendeckend Tempo 30 angeordnet.

Was heute vielerorts selbstverständlich erscheint und teilweise auch in Dettingen schon vorher bestanden hatte, führte damals zu heftigem Widerstand. Besonders umstritten war die in Tempo-30-Zonen verkehrsrechtlich erforderliche Vorfahrtsregel „rechts vor links“.

Die Entscheidung war im zuständigen Verwaltungsausschuss zunächst einstimmig gefallen, ebenso im Gemeinderat. Unter dem erheblichen öffentlichen Druck, mit zahlreichen Diskussionen und Leserbriefen, bröckelte diese Mehrheit jedoch nach und nach. Am Ende standen nur noch ein Gemeinderat und ich zu der getroffenen Entscheidung.

Wären einer Rücknahme der Vorfahrtsregel keine rechtlichen Grenzen gesetzt gewesen, wäre sie vermutlich gefallen. Weil das Verkehrsrecht sie verlangte, hielten Verwaltung und Bürgermeister daran fest.

Für die Stimmung vor der Bürgermeisterwahl war das nicht gerade hilfreich. Der Amtsinhaber erschien nach außen offenbar angeschlagen. Schließlich traten neun Gegenkandidaten an.

Eine Bürgerin sagte damals zu mir: „Herr Bürgermeister, wir werden Sie schon wiederwählen. Aber im ersten Wahlgang wird es wohl nichts.“

Ich antwortete ziemlich überzeugt: „Ein Amtsinhaber wird im ersten Wahlgang wiedergewählt oder gar nicht.“ Dazu gab es damals sogar Untersuchungen über Bürgermeisterwahlen. Ich rechnete ihr vor: Wenn jeder meiner neun Mitbewerber fünf Prozent bekäme, wären das zusammen 45 Prozent. Dann blieben für mich 55 Prozent – und das würde reichen.

Am Ende erhielt ich etwas mehr als 64 Prozent.

Nach außen war ich der strahlende Wahlsieger.

Nur fühlte ich mich nicht wie einer.

Vielleicht spielten damals bereits Entwicklungen in meiner ersten Ehe eine Rolle, die Jahre später zur Trennung und Scheidung führten. Wie groß ihr Anteil war, kann ich im Rückblick nicht zuverlässig sagen. Sicher ist nur: Irgendetwas war mit mir nicht in Ordnung.

Ich nahm mir für zwei oder drei Wochen eine Auszeit. Weil sich gemeinsame Urlaubspläne nicht ergaben, ging ich allein wandern. Das war für mich damals ausgesprochen ungewöhnlich. Ich war bereits stark übergewichtig und gehörte eher zu denen, die für fast jeden Weg das Auto nahmen.

Ich machte mich auf einen Abschnitt des Jakobswegs von Rottenburg in Richtung Meersburg.

Auf den Bänken am Wegesrand begann ich plötzlich wieder genauer hinzusehen. Ich nahm Pflanzen und Tiere wahr und stellte gleichzeitig fest, wie erschreckend wenig ich eigentlich über die Natur wusste, durch die ich ging.

Am Abend saß ich in Gasthäusern. Damals wurde überall leidenschaftlich über Stuttgart 21 gestritten. Normalerweise hätte Politik zu meinem Leben gehört. Doch die politischen Diskussionen und Stellungnahmen um mich herum stießen mich ab. Ich wollte damit nichts zu tun haben.

Und auf diesem Weg blieb ich weitgehend für mich.

Nach meiner Rückkehr erzählte ich einer Mitbürgerin, die mir sehr nahestand, von diesen Erfahrungen. Sie hörte mir zu und sagte schließlich sinngemäß: So kenne sie mich nicht. Mit mir stimme etwas nicht.

Ich wehrte zunächst ab.

In mehreren Gesprächen überzeugte sie mich schließlich, wenigstens mit einem Arzt zu sprechen.

Meine Reaktion darauf war bezeichnend: „Ich bin doch nicht verrückt.“

Trotzdem ging ich zu einem Arzt im Reutlinger Neurozentrum. Auch dort begann ich das Gespräch mit der Überzeugung: „Ich bin sicher falsch hier.“

Nach ungefähr zwanzig Minuten sagte der Arzt zu mir: „Sie sind nicht zu früh gekommen. Ich überlege nur noch, ob wir Sie nicht stationär aufnehmen sollten.“

Das saß.

Am Ende blieb es bei einer Gesprächstherapie und einer medikamentösen Behandlung. Beides begleitete mich über gut drei Jahre.

Danach hatte ich mich wieder berappelt.

Aber ich war nicht mehr ganz derselbe.

Meine Sicht auf Leistung, Stärke, Belastbarkeit und vielleicht auch auf andere Menschen hatte sich verändert. Diese Erfahrung dürfte einen erheblichen Anteil an dem Menschen haben, der heute – viele Jahre später – hinter den Zeilen dieser Beiträge zu erkennen ist.

Warum merkt man es selbst so spät?

Im Rückblick erscheint manches klarer, als es damals war.

Heute könnte man fragen: Warum hast du nicht früher gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Die ehrliche Antwort lautet: weil ich funktioniert habe.

Ich ging ins Rathaus. Ich erledigte meine Arbeit. Ich führte Sitzungen. Ich traf Entscheidungen. Ich stellte mich einer schwierigen Wiederwahl. Und ich gewann sie deutlich.

Nach außen gab es also zunächst keinen offensichtlichen Zusammenbruch.

Vielleicht liegt genau darin eine Gefahr.

Belastung zeigt sich nicht immer darin, dass jemand seine Aufgaben plötzlich nicht mehr erfüllt. Ein Mensch kann lange leistungsfähig bleiben und trotzdem innerlich immer weniger Kraft haben.

Gerade bei Menschen in Führungsverantwortung kommt etwas hinzu: Man ist gewohnt, dass andere mit Problemen zu einem kommen. Man soll Antworten geben, Entscheidungen treffen und Sicherheit ausstrahlen.

Die Vorstellung, selbst Hilfe zu brauchen, passt dazu zunächst schlecht.

Mein Satz „Ich bin doch nicht verrückt“ sagt darüber im Rückblick mehr aus, als mir damals bewusst war.

Ich hatte psychische Belastung offenbar mit einem völligen Verlust von Kontrolle gleichgesetzt.

Solange ich noch arbeitete, argumentierte und Entscheidungen traf, konnte mit mir doch eigentlich nichts Ernsthaftes sein.

So dachte ich.

Der Arzt sah das anders.

Verantwortung ist nicht dasselbe wie Arbeitszeit

Wenn man über Belastung im Bürgermeisteramt spricht, landet man schnell bei langen Arbeitstagen, Abendterminen und Wochenendveranstaltungen.

Natürlich spielt das eine Rolle.

Aber ich glaube heute, dass sich Belastung nicht allein in Stunden messen lässt.

Ein langer Tag kann erfüllend sein. Ein gelungenes Projekt, ein gutes Gespräch, eine Veranstaltung oder eine schwierige Entscheidung, die am Ende trägt, können Energie geben.

Umgekehrt kann ein einziger Konflikt einen Menschen weit über den eigentlichen Termin hinaus beschäftigen.

Entscheidend ist oft nicht nur, wie lange man arbeitet.

Entscheidend ist, was innerlich weiterarbeitet.

Ein ungelöster Konflikt bleibt im Kopf. Persönliche Kritik kann bleiben. Eine schwierige Personalentscheidung bleibt. Die Sorge um die Finanzlage einer Gemeinde lässt sich nicht immer beim Verlassen des Rathauses ausschalten.

Verantwortung kann Sinn geben. Das habe ich über 24 Jahre sehr oft erlebt.

Aber gerade weil sie Sinn gibt, kann es schwerfallen, eine Grenze zu erkennen.

Man macht weiter, weil die Aufgabe wichtig ist.

Man geht zu einem Termin, obwohl man eigentlich Erholung bräuchte.

Man will die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht im Stich lassen.

Man will vor dem Gemeinderat nicht den Eindruck erwecken, man sei überfordert.

Man will Bürger nicht enttäuschen.

Und irgendwann kann aus der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, das Gefühl werden, alles selbst tragen zu müssen.

Das Amt allein war es nicht

Mir ist dabei eine Einschränkung wichtig.

Ich könnte heute eine einfache Geschichte erzählen: Der politische Konflikt um Tempo 30 und „rechts vor links“, die Wiederwahl, die Belastung des Bürgermeisteramtes – und daraus folgte meine Erkrankung.

So einfach war es nicht.

Vielleicht gab es bereits Belastungen in meiner damaligen Ehe. Vielleicht spielten meine Persönlichkeit und mein eigener Anspruch an mich selbst eine Rolle. Vielleicht waren es mehrere Dinge gleichzeitig.

Ich weiß es nicht.

Und ich halte es deshalb auch bei anderen für problematisch, im Nachhinein eine einzige Ursache festzulegen.

Das Bürgermeisteramt macht nicht zwangsläufig krank.

Auch ich habe es nach dieser Phase weitere 16 Jahre ausgeübt – und über weite Strecken mit großer Freude.

Aber ebenso falsch wäre der umgekehrte Schluss: Das Amt habe mit solchen Entwicklungen nichts zu tun.

Dauerhafte Verantwortung, fehlende Distanz, politische Konflikte, öffentliche Kritik, persönliche Angriffe und das Gefühl, mit manchen Entscheidungen letztlich allein zu stehen, können Belastungen verstärken.

Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht:

Macht das Bürgermeisteramt krank?

Sondern:

Unter welchen Bedingungen kann Verantwortung krank machen – und woran erkennt man rechtzeitig, dass eine Grenze erreicht wird?

Politische Konflikte enden nicht immer im Sitzungssaal

Kritik gehört zum Amt.

Wer Bürgermeister wird, muss Widerspruch aushalten können. Das habe ich nie anders gesehen. Bürgerinnen und Bürger dürfen Entscheidungen kritisieren. Gemeinderäte müssen kontrollieren. Öffentliche Diskussion ist keine Störung der Demokratie, sondern gehört zu ihr.

Aber es macht einen Unterschied, wie lange ein Konflikt dauert und wie persönlich er wird.

Die Auseinandersetzung um die Verkehrsregelungen hatte mich politisch stark gefordert. Eine zunächst einstimmig getragene Entscheidung verlor unter öffentlichem Druck immer mehr Unterstützung. Am Ende standen nur noch ein Gemeinderat und ich dafür ein.

Gleichzeitig rückte die Wiederwahl näher.

Ich glaube nicht, dass man daraus eine einfache Kausalität ableiten darf. Aber ich weiß heute, dass solche Situationen nicht spurlos an einem Menschen vorbeigehen müssen.

Wer dauerhaft öffentlich Verantwortung trägt, wird beobachtet, bewertet und kritisiert.

Das gehört zum Amt.

Die Vorstellung, dies müsse einen deshalb grundsätzlich unberührt lassen, halte ich heute allerdings für falsch.

Ein Bürgermeister soll belastbar sein.

Aber Belastbarkeit ist nicht dasselbe wie Unverwundbarkeit.

Familie und privates Leben bleiben nicht außen vor

Auch berufliche und private Belastungen lassen sich im wirklichen Leben nicht immer sauber voneinander trennen.

Das galt auch für mich.

Ich möchte meine damalige Ehe nicht nachträglich zum Gegenstand dieses Beitrags machen. Dafür gibt es keinen Grund. Aber es wäre ebenso künstlich, so zu tun, als hätten sich berufliches und privates Leben vollständig unabhängig voneinander entwickelt.

Ein Bürgermeisteramt wirkt in das private Leben hinein.

Termine am Abend und am Wochenende gehören dazu. Ebenso die innere Beschäftigung mit Konflikten und Entscheidungen. Partner und Familie erleben Anspannung mit, obwohl sie selbst mit der Sache nichts zu tun haben.

Umgekehrt nimmt ein Bürgermeister natürlich auch private Belastungen mit ins Rathaus.

Menschen bestehen nicht aus voneinander getrennten Abteilungen.

Vielleicht ist gerade diese Wechselwirkung einer der Gründe, warum es so schwierig sein kann, im Einzelfall zu sagen: Das war die Ursache.

Manchmal ist es nicht die eine Belastung.

Es ist ihre Summe.

Jemand anderes sah, was ich selbst nicht sah

Ein Punkt meiner eigenen Geschichte beschäftigt mich bis heute.

Nicht ich selbst erkannte, dass ich Hilfe brauchen könnte.

Ein anderer Mensch erkannte es.

Eine Mitbürgerin hörte mir zu und sagte sinngemäß: So kenne sie mich nicht.

Ohne ihre Beharrlichkeit wäre ich wahrscheinlich nicht zu diesem Arzt gegangen.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erfahrungen aus dieser Zeit.

Menschen, die unter Belastung stehen, sind nicht zwingend die besten Beobachter ihres eigenen Zustandes.

Das gilt umso mehr, wenn sie gewohnt sind zu funktionieren.

Deshalb braucht es Menschen im persönlichen Umfeld, die Veränderungen wahrnehmen und den Mut haben, sie anzusprechen.

Und es braucht auf der anderen Seite die Bereitschaft, irgendwann zuzuhören.

Bei mir brauchte es mehrere Gespräche.

Meine erste Reaktion war Abwehr.

Vielleicht ist auch das normal.

Hilfe anzunehmen ist keine Niederlage

Ich weiß heute nicht mehr, warum mir der Gedanke an ein Arztgespräch damals so widerstrebte.

Vielleicht war es Unwissen.

Vielleicht Stolz.

Vielleicht auch die Vorstellung, als Bürgermeister besonders belastbar sein zu müssen.

Sicher ist: Die Behandlung hat mir geholfen.

Gesprächstherapie und Medikamente begleiteten mich über mehrere Jahre. Das war keine kurze Unterbrechung, nach der alles wieder genauso war wie vorher.

Und vielleicht war genau das gut so.

Denn ich musste nicht nur wieder belastbarer werden.

Ich musste manches anders sehen lernen.

Auch mich selbst.

Stärke bedeutet nicht, jedes Problem allein lösen zu können.

Und Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, für Verantwortung ungeeignet zu sein.

Im Gegenteil.

Im Rückblick halte ich es für eine Form von Verantwortung, rechtzeitig zu erkennen, wann die eigene Kraft nicht mehr ausreicht.

Wo sucht ein Bürgermeister Hilfe?

Diese Frage stellt sich gerade bei einem direkt gewählten Bürgermeister in besonderer Weise.

Er ist Verwaltungschef und Dienstvorgesetzter.

Er führt die Verwaltung.

Er arbeitet mit dem Gemeinderat zusammen und steht zugleich unter dessen politischer Kontrolle.

Er ist Ansprechpartner für Bürgerinnen und Bürger.

Er repräsentiert die Gemeinde.

In Krisen wird von ihm Orientierung erwartet.

Aber an wen wendet sich derjenige, von dem andere Orientierung erwarten, wenn er selbst nicht mehr weiterweiß?

Natürlich gibt es Ärzte, Therapeuten, Freunde, Partner und Kollegen. Es gibt kommunale Verbände und persönliche Netzwerke.

Aber die Schwelle, solche Hilfe zu nutzen, kann hoch sein.

Vielleicht müsste deshalb schon die Vorbereitung auf öffentliche Führungsämter stärker vermitteln, dass solche Unterstützung nichts Außergewöhnliches ist.

Niemand erwartet von einem Bürgermeister, jede Rechtsfrage ohne Juristen zu lösen oder jede technische Planung selbst zu erstellen.

Warum sollte ausgerechnet bei psychischer Belastung gelten, dass ein geeigneter Bürgermeister allein damit fertigwerden muss?

Unterstützung muss vor der Krise beginnen

Mitgefühl ist leicht, wenn ein Mensch bereits zusammengebrochen ist.

Interessanter ist die Frage, was vorher geschieht.

Gibt es verlässliche Stellvertretung?

Kann Verantwortung tatsächlich einmal abgegeben werden?

Gibt es Menschen, mit denen ein Bürgermeister offen sprechen kann, ohne sofort politische Folgen befürchten zu müssen?

Gibt es kollegiale Beratung oder professionelle Unterstützung?

Wird Überforderung überhaupt als etwas behandelt, über das man sprechen darf?

Und gibt es eine politische Kultur, die harten Streit in der Sache zulässt, ohne den anderen als Menschen beschädigen zu wollen?

Diese Fragen betreffen nicht nur Bürgermeisterinnen und Bürgermeister.

Auch Verwaltungsmitarbeiter, Gemeinderäte und ehrenamtlich Verantwortliche können durch dauerhafte Konflikte, Arbeitsdruck und öffentliche Angriffe belastet werden.

Eine demokratische Gemeinde lebt davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Dann sollte sie auch ein Interesse daran haben, dass diese Menschen daran nicht zerbrechen.

Meine Sicht auf Stärke hat sich verändert

Ich glaube, die Erfahrung von 2010 hat mich stärker verändert, als ich damals verstanden habe.

Vorher hätte ich Stärke wahrscheinlich stärker mit Durchhalten verbunden.

Mit Belastbarkeit.

Mit der Fähigkeit, Schwierigkeiten auszuhalten und trotzdem weiterzumachen.

Heute sehe ich das differenzierter.

Natürlich braucht ein Bürgermeister Belastbarkeit.

Er muss Entscheidungen vertreten können. Er darf nicht bei jeder Kritik einknicken. Er muss auch in schwierigen Phasen handlungsfähig bleiben.

Aber zu Stärke gehört für mich inzwischen auch etwas anderes.

Die eigenen Grenzen wahrzunehmen.

Nicht jedes Problem persönlich zu nehmen.

Nicht jede Kritik mit nach Hause zu tragen.

Zu akzeptieren, dass man nicht alles steuern kann.

Und sich Hilfe zu holen, wenn man sie braucht.

Vielleicht hat mich gerade diese Erfahrung auch vorsichtiger gemacht, andere Menschen schnell zu beurteilen.

Man weiß von außen oft wenig darüber, was jemand gerade trägt.

Verantwortung braucht Grenzen

Zu einem Bürgermeisteramt gehört die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Aber Verantwortung darf nicht mit Grenzenlosigkeit verwechselt werden.

Nicht jedes Problem einer Gemeinde ist das persönliche Problem des Bürgermeisters.

Nicht jeden Konflikt kann er lösen.

Nicht jede Kritik muss beantwortet werden.

Nicht jede Belastung muss schweigend ausgehalten werden.

Und nicht jede Form von Erschöpfung lässt sich durch noch mehr Disziplin überwinden.

Das klingt für mich heute selbstverständlich.

2010 war es das offenbar nicht.

Ich brauchte einen anderen Menschen, der etwas bemerkte.

Ich brauchte mehrere Gespräche, bis ich bereit war zuzuhören.

Und ich brauchte einen Arzt, der mir nach zwanzig Minuten deutlicher sagte, wie ernst die Lage war, als ich es selbst wahrhaben wollte.

Danach brauchte ich Zeit.

Mehr als drei Jahre lang begleiteten mich Gespräche und Medikamente.

Ich habe danach mein Amt noch lange weiter ausgeübt.

Aber meine Sicht auf Verantwortung war eine andere.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich aus 24 Jahren Bürgermeisteramt weitergeben kann:

Verantwortung zu tragen ist eine Stärke.

Zu erkennen, wann sie zu schwer wird, ist es auch.

Fortsetzung: „Was kommunale Demokratie daraus lernen sollte“

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