Ich möchte austreten!

Humorvolle Illustration eines abmontierten Autorads mit Parkkralle vor einem Rathaus.

Eine Eulenspiegelei aus dem Rathaus

Es gibt Menschen, die machen einem Bürgermeister das Leben schwer. Und es gibt Menschen, die machen ihm das Leben schwer und sorgen gleichzeitig dafür, dass es nicht langweilig wird.

Martin gehörte zur zweiten Kategorie.

Als ich 2002 mein Amt als Bürgermeister von Dettingen an der Erms antrat, war Martin in der Gemeindeverwaltung bereits eine bekannte Größe. Nicht unbedingt eine beliebte, aber eine bekannte. Ich dagegen war neu. Und offenbar hielt er es für angebracht, sich persönlich vorzustellen.

Es war Mittwochabend. Damals hatten wir noch unseren sogenannten Dienstleistungsabend. Bis 19 Uhr standen die Türen des Rathauses offen, damit auch berufstätige Bürger ihre Angelegenheiten erledigen konnten.

Martin nahm dieses Angebot ausgesprochen ernst. Allerdings hatte er eine eigenwillige Vorstellung davon, wie man eine Dienstleistung in Anspruch nimmt.

Etwa fünf Minuten vor Dienstschluss rollte er in mein Amtszimmer.

Nicht im übertragenen Sinne. Er rollte tatsächlich.

Auf Inlineskates.

Er hatte es geschafft, auf diesen Dingern bis in den ersten Stock vorzudringen, und stand nun vor meinem Schreibtisch. Genauer gesagt: Er stand nicht, er rollte mehr oder weniger auf der Stelle.

Hinzu kam ein kräftiger Knoblauchgeruch, der den Raum erfüllte und mich vermuten ließ, dass Martin an diesem Abend nicht mehr mit einer Einladung zum Essen rechnete.

Was er eigentlich wollte, weiß ich heute nicht mehr. Vermutlich wollte er vor allem sehen, was der neue Bürgermeister so aushielt.

Zunächst hielt ich einiges aus.

Doch Martin kam wieder. Und wieder. Bevorzugt kurz vor 19 Uhr, auf Rollen und gelegentlich mit einer Atemluft, die geeignet gewesen wäre, Vampire aus dem gesamten Ermstal zu vertreiben.

Irgendwann beschloss ich, dass auch ein Bürgermeister ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hatte.

Ich erklärte ihm, damals noch förmlich per Sie, dass ich selbstverständlich bereit sei, seine Anliegen anzuhören. Allerdings wäre es schön, wenn er künftig etwas früher käme, seine Inlineskates vor dem Rathaus ablegte und vor unserem Gespräch vielleicht nicht gerade größere Mengen Knoblauch verzehrte.

Ich hielt das für maßvolle Forderungen.

Martin offenbar für einen weiteren Beweis staatlicher Bevormundung.

Es dauerte eine Weile, bis wir uns einigten. Dabei half mir eine einfache Maßnahme: Um 19 Uhr beendete ich das Gespräch und bat ihn, ein anderes Mal wiederzukommen.

Es war gewissermaßen meine erste erfolgreiche Sanktion gegen einen Mann, der Sanktionen grundsätzlich ablehnte.

Mit der Zeit lernte ich Martin besser kennen.

Er hatte ein Problem mit dem Staat.

Nicht mit einer bestimmten Regierung, nicht mit einer einzelnen Behörde und schon gar nicht nur mit dem Bürgermeister.

Nein, mit dem Staat als solchem.

Er wollte von ihm nichts haben. Keine Leistungen, keine Unterstützung, keine Wohltaten. Im Gegenzug erwartete er allerdings, dass der Staat ebenfalls nichts von ihm wollte.

Eine durchaus übersichtliche Staatsphilosophie.

Leider hatte sie einen kleinen Schönheitsfehler: Der Staat war mit dieser Vereinbarung nicht einverstanden.

Besonders deutlich wurde das bei der Grundsteuer.

Andere Bürger bezahlten Grundsteuer. Martin bezahlte, jedenfalls in seiner Vorstellung, eine „Jahresmiete“.

Damit brachte er seine Sicht der Dinge auf den Punkt: Der Staat kassierte Geld für etwas, das ihm gar nicht gehörte.

Dass man darüber durchaus diskutieren kann, will ich nicht bestreiten. Als Bürgermeister hatte ich allerdings die undankbare Aufgabe, weniger über die philosophischen Grundlagen der Grundsteuer nachzudenken, als dafür zu sorgen, dass sie bezahlt wurde.

Noch schwieriger wurde es beim Parken.

Martin parkte sein Auto dort, wo er es für richtig hielt. Die Straßenverkehrsordnung hatte dazu gelegentlich eine andere Meinung.

Das Ordnungsamt schrieb Strafzettel.

Martin ignorierte sie.

Das Ordnungsamt schrieb weitere Strafzettel.

Martin ignorierte auch diese.

Irgendwann entstand der Eindruck, dass hier zwei Parteien miteinander kommunizierten, von denen eine grundsätzlich nicht bereit war, die Post der anderen als verbindlich anzuerkennen.

Die Verwaltung war ratlos. Die Vollstreckung ebenfalls.

Ich war jung im Amt und noch von dem Gedanken beseelt, dass staatliche Maßnahmen irgendwann Wirkung zeigen müssten.

Also drängte ich darauf, etwas zu unternehmen.

Schließlich bekam Martins Auto eine Parkkralle.

Ein solides Stück staatlicher Autorität aus Metall, fest mit einem Rad verbunden. Jetzt, so glaubten wir, würde auch Martin erkennen müssen, dass der Staat am längeren Hebel saß.

Am nächsten Tag belehrte uns die Zeitung eines Besseren.

Martin hatte kurzerhand das betreffende Rad mitsamt der Parkkralle abmontiert, ein anderes aufgezogen und war davongefahren.

Er hatte sogar dafür gesorgt, dass die Presse von seinem kleinen Triumph erfuhr. Ein Foto dokumentierte die Angelegenheit. Der Mann hatte der Obrigkeit ein Schnippchen geschlagen, und die Öffentlichkeit durfte daran teilhaben.

Ich muss zugeben, dass ich zunächst weniger amüsiert war als die Zeitungsleser.

Schließlich war ich derjenige gewesen, der auf eine wirksame Maßnahme gedrängt hatte.

Nun stand ich da. Ohne Auto, ohne Parkkralle und mit einer Verwaltung, die ihr eigenes Sicherungsgerät beim Verkehrssünder wieder abholen durfte.

Wegen eines formellen Fehlers ließ sich aus der Angelegenheit auch rechtlich nicht mehr das machen, was wir uns erhofft hatten.

Martin hatte gewonnen.

Und wir hatten immerhin unsere Parkkralle zurück.

Später sprachen wir darüber. Überhaupt sprachen wir im Laufe der Jahre immer wieder miteinander.

Irgendwann waren wir beim Du angekommen.

Martin erklärte mir, dass er persönlich nichts gegen mich habe. Er achte mich als Menschen. Allerdings sei ich nun einmal ein Vertreter dieses Staates, dessen Zwangsmaßnahmen er grundsätzlich ablehne.

Wenn ich als dessen „Scherge“ gegen ihn vorgehen müsse, dann sei das eben so.

Ich fand diese Unterscheidung durchaus bemerkenswert.

Manche Bürger hielten mich schon für ihren persönlichen Feind, wenn ich ihnen erklären musste, weshalb sie ihren Gartenzaun nicht mitten auf den Gehweg stellen durften.

Martin dagegen konnte mich einen Schergen des Staates nennen und mir gleichzeitig versichern, dass er mich als Menschen schätzte.

Damit konnte ich leben.

Und ich gebe zu, dass ich mit den Jahren sogar eine gewisse Sympathie für diesen eigenwilligen Mann entwickelte.

Nicht für seine unbezahlten Strafzettel. Auch nicht für seine Vorstellung, jeder könne sich seine persönliche Rechtsordnung zusammenstellen.

Aber für seine Konsequenz. Und für die Fähigkeit, zwischen einem Menschen und dessen Amt zu unterscheiden.

Dann kam unsere letzte Begegnung.

Es war in meinem letzten Amtsjahr. Ich traf Martin vor dem Rathaus.

Wir begrüßten uns, und er erklärte mir, er habe gerade etwas Wichtiges erledigt.

Er wolle austreten.

„Wo willst du austreten?“, fragte ich.

Ich dachte an einen Verein. Vielleicht an die Kirche. Es gibt schließlich eine ganze Reihe von Organisationen, denen man beitreten und aus denen man wieder austreten kann.

„Aus allem hier“, erklärte Martin.

Er habe sich deshalb gerade seine Geburtsurkunde besorgt.

Ich war verblüfft.

„Um Himmels willen, Martin! Die hat doch Geld gekostet!“

Er bestätigte das.

Ich versuchte, den Vorgang zu verstehen.

Da stand ein Mann, der dem Staat seit Jahrzehnten keinen Cent mehr geben wollte als unbedingt nötig, und hatte ausgerechnet diesem Staat freiwillig Geld bezahlt, um sich von ihm zu lösen.

Das war ungefähr so, als würde jemand im Gefängnis beim Direktor eine Eintrittskarte kaufen, um anschließend seine Entlassung zu verlangen.

„Aber woraus willst du denn nun austreten?“, fragte ich noch einmal. „Willst du Dettingen verlassen?“

Nein, erklärte Martin entschieden. Er werde seine Heimat ganz bestimmt nicht verlassen.

Er wolle nur mit diesem Staat nichts mehr zu tun haben.

Vor allem wolle er seine Daten zurück.

Das machte mich neugierig.

Welche Daten?

Nun, seine persönlichen Daten, die der Staat ohne seine Zustimmung weitergebe. Beispielsweise an die GEZ.

Da war sie wieder, die staatliche Zwangsabgabe. Diesmal in Gestalt des Rundfunkbeitrags.

Ich versuchte ihm zu erklären, dass er sich innerhalb Deutschlands der staatlichen Rechtsordnung nicht durch eine einseitige Erklärung entziehen könne. Und dass es auch außerhalb Deutschlands nicht unbedingt leichter werde.

Wir gingen noch ein Stück miteinander.

Martin blieb bei seiner Überzeugung.

Ich blieb bei meiner.

Wir trennten uns freundschaftlich.

Heute denke ich manchmal an ihn zurück.

Martin ist inzwischen gestorben. Ich hoffe, er hätte nichts dagegen, dass ich diese Geschichte erzähle.

Er war ein unbequemer Mensch. Einer, der die Geduld einer Verwaltung auf eine harte Probe stellen konnte. Einer, der mitunter ausgesprochen absurde Wege ging, um seinen Überzeugungen treu zu bleiben.

Aber er war auch ein Mensch, der mich etwas gelehrt hat.

Nämlich, dass man die Ansichten eines anderen für grundfalsch halten und ihn trotzdem achten kann.

Und dass staatliche Autorität zwar notwendig sein mag, sich selbst aber gelegentlich nicht ganz so ernst nehmen sollte.

Wenn ich heute an unsere Begegnungen zurückdenke, sehe ich vor allem drei Bilder:

Einen Mann, der auf Inlineskates in mein Amtszimmer rollt.

Ein Auto, das mit einem anderen Rad davonfährt, während die staatliche Autorität in Form einer Parkkralle zurückbleibt.

Und einen Bürger, der dem Staat eine Gebühr bezahlt, um aus ihm auszutreten.

Vielleicht war Martin seiner Zeit sogar voraus.

Während andere über Bürokratieabbau diskutieren, hatte er längst eine radikalere Lösung gefunden.

Er wollte einfach kündigen.

Dummerweise hatte der Staat vergessen, in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen ein Kündigungsrecht vorzusehen.